Von Wölfen, Affen und Hunden

In einem Interview haben wir mit dem bekannten Wolfsforscher über Benimmregeln unter Wölfen, das Gefühlsleben von Hunden und wichtige Unterschiede zwischen Kaniden und Primaten gesprochen.

Affe und Wolf

Herr Bloch, wie lebt es sich in Kanada? 
Die Offenheit der Menschen, atemberaubende Landschaften, Grizzly- und Schwarzbären, Pumas, Kojoten, Wölfe und Raben – was will man mehr als Naturfreak. Es ist einfach wunderbar. Meine Frau Karin, unsere Hunde und ich haben den wohl durchdachten Schritt nach Kanada auszuwandern nie bereut. Wir empfinden es als besonderes Privileg, in Kanada leben zu dürfen und wollen hier nie mehr weg. 

Sie haben mal gesagt, wenn Sie Wölfe und andere Tierarten beobachten, lernen Sie jeden Tag etwas Neues.  Ist es das, was Tierbeobachtungen für Sie so reizvoll macht? 
Ja. Daran hat sich nichts geändert. Tierbeobachtungen in freier Wildbahn sind unsere Passion, unser Leben. Vor allem der sozio-emotional gestimmte Familiensinn der Wölfe versetzt uns immer wieder in Erstaunen. Gleiches gilt für unseren Laika-Rüden Timber, der ja mit uns zusammen tagtäglich „Wölfe gucken geht“ – wie es Karin auszudrücken pflegt. Durch unsere gemeinsamen Verhaltensbeobachtungen sind wir als Team allesamt noch mehr zusammengewachsen. 

Lernen setzt aber auch eine gewisse Demut und Offenheit voraus – die in der heutigen Zeit vielen Menschen abhanden gekommen zu sein scheint. Blickt der Mensch inzwischen tatsächlich einsam vom Thron seiner kulturellen wie biologischen Einzigartigkeit herab, wie Verhaltensforscherin Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen zu bedenken gab? 
Das kann man wohl sagen. Doch das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wir haben uns ohne Wenn und Aber dem Ziel verschrieben, verhaltenskundlich detailliertes Wissen zur sozialen Organisation und Stabilität von Wolfsfamilien anzuhäufen. Infolgedessen behaupten wir jetzt kühn, auch die Bedürfnisse von Haushunden besser verstehen gelernt zu haben. Zumindest bemühen wir uns stets darum, so methodisch wie irgend machbar kynologische Notizen über kanidentypische Verhaltensstrategien, Grundeigenschaften, situative Stimmungen und Gestimmtheiten zu sammeln. Unser Fazit: Der Mensch kann vom Wolf viel lernen. 
Ihr Buch, das Sie mit Ihrer Co-Autorin Elli H. Radinger geschrieben haben, trägt den Titel „Affe trifft Wolf“. Wie viel vom Affen steckt heute noch in uns Menschen? 
Letztlich ist der Mensch irgendwie ein weiterentwickelter Mischmasch. Affe ist ja nicht gleich Affe. Schimpansen gebärden sich egoistischer und aufbrausender als Bonobos, die sich deutlich sozialer verhalten und Aggressionskonflikte durch einvernehmlichen Sex abbauen. Trotz alledem rotten sich sämtliche Affenarten nur zu Gruppengemeinschaften zusammen. In Gesellschaften zu leben, was primär hohe Toleranz, gewollte Emotionskontrolle sowie die Bereitschaft zur eingeschränkten Wissensvermittlung von Generation zu Generation voraussetzt, diesen Riesensprung in der Evolution haben Affen nicht geschafft.

Und wie viel Wolf steckt in unseren Haushunden?
Wolf und Hund sind genetisch zu zirka 99,96 Prozent verwandt. Ansonsten kommt es natürlich unter anderem auf die Rasse an. Verhaltensbiologisch betrachtet gibt es zweifelsohne mannigfaltige Übereinstimmungen in vielen Verhaltenskategorien: Im Funktionskreis des Beutefangverhaltens etwa, in Bezug auf deren Territorialität oder soziale Grundeinstellung. Wolf und Hund eins zu eins gleichzusetzen ist bestenfalls töricht. Wer allerdings, wie wir, behutsam seriöse Vergleichswerte analysiert, muss auch auf die domestikationsbedingten Verhaltensveränderungen hinweisen. Nicht umsonst lebt der Haushund eng mit dem Menschen zusammen.

Bei Ihren Beobachtungen in Kanada stellen Sie immer wieder fest, dass sich Wölfe sehr kooperativ verhalten. Das Kooperationsverhalten von Affen hat hingegen seine Grenzen. Bitte erklären Sie unseren Lesern doch den Unterschied zwischen Wolf und Affe.
Nun ja, gewisse Kooperationsformen sind Affen durchaus geläufig. Besonders Bonobos, die bisweilen erstaunlich gut zusammenarbeiten. In der Wolfswelt steht der Kooperationswille jedoch für eine Art langfristig angelegtes Programm. Wenn einer von ihnen selbständig Beute macht, wälzt er sich darin, läuft zurück zum heimischen Kernrevier, lässt sich von den übrigen Familienmitgliedern intensiv beschnuppern und führt sie zielgerichtet bzw. uneigennützig zum Beuteriss. Anschließend fressen alle gemeinsam. Von Affen ist derartiges nicht bekannt. Wer etwas findet, behält dieses Wissen für sich. Auch das wolfstypische Anlegen von Futterdepots, aus denen sich alle Gruppenangehörigen bedienen können, praktizieren Affen nicht.

Ohne unserer Spezies zu nahe treten zu wollen, aber der egoistische Auftritt des Menschen erinnert oft sehr an den eines Schimpansen. Ist das einer der Hauptgründe, warum unsere Hunde uns oft ansehen, als würden Sie die Welt nicht mehr verstehen?
Mit Sicherheit! Insbesondere dann, wenn Hundehalter meinen, ziemlich aberwitzig ständig sämtliche Ressourcen kontrollieren zu müssen, um bloß nicht ihren hohen `“Rangstatus“ zu verlieren. Wobei des Menschen zwischenzeitlich immer wieder einmal aufblitzende Ader für Empathie, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Teambereitschaft uns alle hoffen lässt, oder?

Ja, ein bisschen schon, zumal wir hier von den Kaniden lernen könnten. Despoten sind in Kanidenkreisen unbeliebt. Autoritäten werden nur anerkannt, solange sie ein sozial überzeugendes Gesamtkonzept vorleben. Was bedeutet das für den Hundehalter?
Hunde brauchen verlässliche, möglichst emotional stabile Sozialpartner. Außerdem brauchen sie viel Ruhe und einen authentisch einschätzbaren Menschen, der seinem theoretischen Führungsanspruch auch praktisch Taten folgen lässt. Ernsthafte Hundehalter sorgen für Vertrautheit, Schutz und Geborgenheit, geben einen klar umrissenen Handlungsrahmen vor, innerhalb dessen sich ein Hund frei bewegen darf respektive seinem individuellen Charakter gemäß entfalten darf. Genau aus diesem Grund tut mir jeder Hund leid, der zum roboterhaft zukonditionierten Popanz des Menschen degradiert wird.

Dominante Wölfe fressen zum Beispiel nicht immer als Erste an der erlegten Beute. Warum lassen Sie auch gerne mal jüngeren und untergeordneten Mitgliedern den Vortritt?
Dominanz ist keine Eigenschaft. Wolfseltern sind aufgrund ihres kognitiven Wissens, ihrer bemerkenswerten Lebensraum- Erfahrung und sozialen Kompetenz formal dominant. Beim Fressen gilt hingegen die Regel der situativen Dominanz. Ressourcen werden in der Norm motivationsabhängig geteilt. Wer den meisten Hunger hat, frisst zuerst. Wenn jüngeren, untergeordneten Wolfsindividuen kaum quantitativ und qualitativ ausreichende Nahrung zur Verfügung stünde, wären sie schlechterdings in der Lage, ihren Eltern bei der Jagd und Welpenfürsorge als Assistenten bzw. soziale Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.