Hund in der Schule

Ein Hund in der Schule? Klasse, sagen fast alle Kinder. Lehrer und Eltern sind dagegen geteilter Meinung. Die Erfahrungen einer Lehrerin, die ihre Hündin vom Welpenalter an mit zur Schule nimmt, zeigen, was tiergestützte Pädagogik leisten kann.

Hund in der Schule

Seit über eineinhalb Jahren nimmt Anke Schmidt ihre Amerikanische Collie-Hündin Natalie (Namen geändert) mit zur Schule. Die Lehrerin unterrichtet Hauptschüler und Kinder mit einem festgestellten Förderbedarf. Die knapp 20 Kinder teilen ihr Klassenzimmer mit einem flauschigen kleinen Welpen. Kinder und Hund sind miteinander gewachsen und haben dabei viel gelernt - auch voneinander. Die Hündin ist inzwischen erwachsen, bei den Menschenkindern dauert dies naturgemäß noch an. Natalie ist in der Schule groß geworden und an die Unruhe und das Chaos gewöhnt, das entsteht, wenn 250 Menschen zusammenarbeiten. „Sie hält das Lehrerzimmer für eine Spielwiese und die Eingangshalle für ihr zweites Wohnzimmer. Im Klassenraum haut sie sich meist in ihr Körbchen, oder sie schläft unter einem der Tische“, sagt Anke Schmidt.

Erst einmal wirkt das nicht sehr aufregend. Besonders wird ein solches Projekt dann, wenn man sich die Kinder genau ansieht, um ihre Schwierigkeiten und Hintergründe weiß und die Interaktionen mit dem Schulhund beobachtet. Deshalb ist es der Lehrerin ein besonderes Anliegen, über einige der Kinder, deren Namen zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte von der Redaktion geändert wurden, zu berichten.

Streicheln hat beruhigende Wirkung

Da wäre zum Beispiel der zwölfjährige Peter, der eine Wahrnehmungsstörung und eine leichte Entwicklungsverzögerung hat. „Er war nach der Pause manchmal so aufgeregt und hibbelig, dass an Unterricht nicht zu denken war. Selbstberuhigung ist bei Mensch und Tier eine Fähigkeit, die nicht von allein vorhanden ist, sondern gelernt und geübt werden muss“, erklärt Anke Schmidt. Der Junge durfte sich nach den Pausen oft mit dem Hund zusammen auf den Teppich legen, dort ein bisschen herumkugeln, kuscheln und beim Streicheln herunterkommen. Nach einigen Minuten setzte er sich meist auf seinen Platz und konnte wieder arbeiten.

Ein weiches Hundefell zu streicheln hat auf viele Kinder eine sehr beruhigende Wirkung. Hundehalter wissen aus eigener Erfahrung: Ein bisschen streicheln lädt den Akku wieder auf, macht zufrieden und lässt einen wieder ins Gleichgewicht kommen. Heute kann sich Peter viel besser regulieren. Er muss nicht mehr zum Hund auf den Teppich, liebt Natalie aber heiß und innig. Streicheln gehört nach wie vor dazu.

Stärkung des Selbstbewusstseins

Auch Sabrina hat es nicht leicht. Das Mädchen litt im Grundschulalter an einem Hirntumor, erduldete Krankenhausaufenthalte, Chemotherapien, Bestrahlungen, Operationen und dutzende von quälenden Untersuchungen. „Sie erträgt dies mit erstaunlicher Fassung, die man einer 13-Jährigen gar nicht zutraut“, sagt Anke Schmidt. Das Mädchen hat eine Lernbehinderung, die zum Teil durch den Tumor bedingt ist. Bestimmte Hirnareale funktionieren nicht so, wie sie es sollten. Sabrina bringt Natalie immer Hundekekse mit. Die Hündin liegt gern unter ihrem Tisch, da es gut sein kann, dass während des Unterrichts mal ein Keks herunterwandert. Sabrina lässt Natalie Tricks machen und freut sich wie ein Schneekönig, wenn es klappt. Sie kümmert sich besonders gründlich, wenn sie den „Hundedienst“ übernimmt und füllt immer gewissenhaft den Wassernapf nach. „Diese Verantwortung zu tragen und der Aufgabe gerecht zu werden ist ein Erfolgserlebnis, das zwar in der Schule passiert, aber nichts mit schulrelevanten Leistungen zu tun hat. Das ist für alle Kinder eine wichtige Erfahrung, und für ein Kind mit Lernbehinderung natürlich besonders. Erfahrungen dieser Art tun dem Selbstbewusstsein gut und machen stark“, erklärt Anke Schmidt.

Mit Hund lernt es sich leichter

Boris kam Anfang des Schuljahres aus Osteuropa nach Deutschland und geht seitdem in eine Klasse mit Sabrina und Peter. Er hat nach wie vor große Schwierigkeiten mit der Sprache und will am liebsten gar kein Deutsch sprechen. Er kann wegen seiner Verständnisschwierigkeiten an vielen Dingen im normalen Unterricht nicht mitarbeiten und bekommt immer anderes Arbeitsmaterial, was ihm nicht gefällt. Er verweigert sich häufig komplett, will nicht einmal etwas Einfaches machen wie Ausmalen oder ähnliche bei anderen Kindern häufig beliebte Tätigkeiten. „Man merkt ihm seinen Unmut oft an, obwohl er sich nicht sprachlich äußert“, ist sich Anke Schmidt sicher.

Natalie schafft es allerdings, ihm ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Sie findet ihn sympathisch, egal welche Sprache er spricht und welche nicht. Nun versteht Natalie ja aber nur Deutsch. Wenn man möchte, dass sie einen Trick macht, muss man das Kommando auf Deutsch geben und das Ergebnis wird auch direkt geprüft, denn Natalie kann ja nur ausführen, was sie verstanden hat. Der Junge muss sich also anstrengen, die Wörter zu behalten und richtig auszusprechen. In diesen Situationen findet er Deutsch dann doch nicht so furchtbar.

Natalie sorgt für entspannte Stimmung

Wenn zum Beispiel negative Gefühle wie Frust, Ärger, Traurigkeit und Enttäuschung bei Kindern spürbar sind, wirkt Natalies bloße Anwesenheit ausgleichend. „Sie schafft es, die allgemeine Stimmung im Rahmen zu halten und nimmt einer Situation die Anspannung. Kein Kind kann einem weichen Hundefell widerstehen oder einem wedelnden Hund böse sein“, sagt Anke Schmidt. Natalie hat, wie auch viele normale Familienhunde, das Bedürfnis nach Harmonie im Rudel. Wenn es Stress gibt, versucht sie ihr Bestes, um die Situation zu entschärfen. Wenn es ihr zu bunt wird, stellt sie sich an die Tür und bellt. Das ist für die Kinder das Signal: Wir sind zu weit gegangen, Natalie hat keine Lust mehr.

Erfolg durch tiergestützten Pädagogik

Insgesamt profitiert die gesamte Klasse von der tiergestützten Pädagogik. Alle Kinder müssen sich rücksichtsvoller verhalten, wenn ein Hund mit ihnen das Klassenzimmer teilt. Der vielbeschriebene Effekt, durch den Hund sei die Klasse leiser, wäre zwar zu beobachten, nutze sich jedoch mit der Zeit ab. Anke Schmidt geht es allerdings gar nicht so sehr um die Lautstärke, sondern um die vielen langfristige Erfolge. Kritiker nennen häufig als Gegenargument, ein Hund in der Klasse würde die Schüler zu sehr ablenken und den Unterricht störend unterbrechen. „Klar gibt es Unterbrechungen. Aber weder ich noch die Kinder empfinden dies als störend. Es sind überwiegend kurze Augenblicke, dann widmen sich die Kinder wieder ihrer Arbeit“, berichtet Anke Schmidt. Zum Teil seien die Unterbrechungen sehr lustig und dann wird einfach mal herzlich miteinander gelacht.

Es ist sogar wichtig, dass die Kinder den Hund beachten, seine Bedürfnisse wahrnehmen und deuten können. „Guck mal, was Natalie macht! Die will bestimmt …“ sind Aussagen der Schüler, über die sich die Lehrerin freut. „Sie zeigen, dass der oberste Zweck des Projekts, nämlich die Schüler zu mehr Empathie und Einfühlungsvermögen zu erziehen, gelingt. Außerdem sorgt ein Hund ganz nebenbei für gute Laune. Und welcher Lehrer würde denn verhindern wollen, dass die Schüler mit guter Laune im Klassenzimmer sitzen? Eine positive Lernumgebung und eine positive Grundeinstellung wirken immens motivierend auf ein Kind und verbessern die Leistungsbereitschaft.“

Die zusätzliche Arbeit mach sich bezahlt

Viele Eltern sind mittlerweile echte Fans des Schulhundprojektes. Die Eltern sehen, wie gern ihre Kinder in diese Klasse gehen, wie sehr sie sich mit ihr identifizieren, was sie zu Hause erzählen. Anke Schmidt ist nach wie vor von dem Schulhundprojekt überzeugt. „Die Erfolge, die wir verzeichnen können, sprechen für sich. Natürlich darf man nicht vergessen, dass diese Erfolge nicht von allein eintreten. Sowohl mit dem Hund als auch mit der Klasse muss intensiv gearbeitet werden, damit die Zusammenarbeit klappt. Ich kann jedoch nur betonen, wie sehr sich die viele Arbeit immer wieder bezahlt macht.“

Mit ihren Erfahrungen möchte sie andere Lehrer und Schulleitungen ermutigen, Projekte dieser Art zu initiieren bzw. als Schulleitungen zuzulassen. Viel zu oft würden engagierten Lehrern Steine in den Weg gelegt, völlig überzogene Anforderungen gestellt und unnötige Reglementierungen auferlegt. Die Lehrerin verweist auf das Prinzip der „Eigenverantwortlichen Schule“, das es seit 2007 in Niedersachsen gibt und fragt sich: „Warum nutzen wir dieses nicht auch mal für ungewöhnliche Projekte wie eben die tiergestützte Pädagogik? Liebe Kollegen, traut Euch!“