Petra Krivy und ihre Herdenschutzhunde

Welche Rassen zählen zu den Herdenschutzhunden und welche Charaktereigenschaften bringen sie mit? Ein Gespräch mit Hundetrainerin und Züchterin Petra Krivy.

Herdenschutzhund

Welche Rassen gehören zu den Herdenschutzhunden? 
Es gibt eine Vielzahl von mehr oder weniger bekannten Rassen, Typen und Schlägen. Zu den in Deutschland bekanntesten und von der Fédération Cynologique Internationale (FCI) anerkannten Herdenschutzhund-Rassen gehören der aus Ungarn stammende Kuvasz und der aus Frankreich kommende Pyrenäenberghund, dessen spanisches Pendant der Mastin de los Pirineos ist. Aus den weitläufigen Flächen des Kaukasus und den angrenzenden Gebieten stammt der Kaukasische Owtscharka. Immer bekannter werden auch der aus Tibet stammende Do Khyi, der italienische Maremmano-Abruzzese, der Owczarek Podhalanski aus Polen und der Slovensky Cuvac aus der Slowakischen Republik. Und dann wären da mit dem Akbas, Karabas und Kangal noch die aus der Türkei stammenden Herdenschutzhunde, die laut FCI zum Anatolischen Hirtenhund zusammengefasst werden. In Tierheimen finden sich am häufigsten Kangal und Kaukase, aber auch der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Sarplaninac. 

Wofür wurden Herdenschutzhunde ursprünglich gezüchtet? 

Den Herdenschutzhunden kamen im Wandel der Zeit verschiedene Aufgaben zu. Dazu gehörte insbesondere das Bewachen von Nutztieren, um sie vor Bären, Wölfen und Viehdieben zu schützen. Auch Grenzen, Lager und Anwesen wurden in die Obhut von Herdenschutzhunden gegeben. Es gab aber auch einige Herdenschutzhund-Schläge wie den Ungarischen Kuvasz, bei denen man lauffreudige Rassen wie Windhunde für die Jagd einkreuzte. Nur wenige typische Herdenschutzhunde fanden auch als Hüte- oder Treibhunde Verwendung. Bei diesen Aufgaben erhielten kleinere, flinkere und agileren Hundetypen den Vorzug. 

Was unterscheidet den Herdenschutzhund vom Hüte- und Treibhund? 
Der Oberbegriff für beide Hundetypen ist Hirtenhund, da sowohl Herdenschutzhunde als auch Hüte- und Treibhunde mit Hirten arbeiten. Während der Hüte- und Treibhund eine Nutzviehherde von A nach B bewegt und dafür sorgt, dass sie ankommt, beschützt der Herdenschutzhund die Herde vornehmlich in der Nacht vor Beutegreifern oder Dieben. Es gibt zwar auch Herdenschutzhunde, die als Treib- und Hütehunde eingesetzt werden, aber das ist eher die Ausnahme. 

Welche Charaktereigenschaften bringen Herdenschutzhunde mit? 
Der Herdenschutzhund ist unter anderem territorial. Deshalb kann er in seinem Lebensraum ausgeprägte Wettbewerbsaggression zeigen. Das betrifft nicht nur Haus, Garten und Auto, sondern auch die Umgebung, in der regelmäßig Spaziergänge stattfinden. Darauf gilt es in der Erziehung zu achten, um entsprechend gegenzulenken. In seinem häuslichen Bereich sucht er sich gerne strategisch wichtige Plätze, von denen aus er den Tagesablauf bestens beobachten kann. 

Worauf gilt es bei Herdenschutzhunden besonders zu achten? 
Ein Herdenschutzhund vermittelt oft den Eindruck eines Phlegmatikers. Er liegt stundenlang herum und beobachtet nur. Jedoch reagiert er in Situationen, die er für gefährlich und bedrohlich hält, blitzschnell und mit großer Vehemenz. Gerade bei diffusen Lichtverhältnissen sind Herdenschutzhunde ausgesprochen aufmerksam. Aus diesem Grunde gehören sie in der Dämmerung, im Dunkeln oder bei Nebel an die Leine! 

Wie steht es um die Individualdistanz von Herdenschutzhunden? 
Herdenschutzhunde benötigen häufig eine größere Individualdistanz. Sie verlangen nach mehr Platz, um neutrales Verhalten zeigen zu können. Dies ist wichtig zu wissen, um Situationen zu vermeiden, in denen sie sich bedrängt fühlen. Fremden Personen und unbekannten Reizen gegenüber verhalten sich Herdenschutzhunde meist zurückhaltend und reserviert, bei Unterschreitung der Individualdistanz auch abweisend. Diese Zurückhaltung darf ihm aber nicht irrtümlicherweise als Aggression, Wesensschwäche oder Misstrauen ausgelegt werden. Treffender lässt sich dieses Verhalten als Vorsicht deuten. Diese Vorsicht war und ist für die Arbeitsausübung notwendig. Ihr gilt bei der Zucht, Welpenaufzucht und -prägung und bei der Anleitung des heranwachsenden Hundes das spezielle Augenmerk. 

Was für ein Umfeld brauchen Herdenschutzhunde? 
Viele Herdenschutzhunde sind recht bellfreudig. Aus diesem Grund eignen sie sich für eine Reihenhaussiedlung oder ein Mehrfamilienhaus eher weniger. Eigentlich macht ein Herdenschutzhund ja nur seinen Job, wenn er kommentiert, was um ihn herum geschieht. Dafür wurde er schließlich gezüchtet. Die Nachbarn werden dafür aber sicherlich nicht das notwendige Verständnis aufbringen können. 

Wie lassen sich Herdenschutzhunde in die Familie integrieren? 
Für den Herdenschutzhund in der Familie ist eine frühzeitige, altersgemäß angepasste und vom Hund zu bewältigende Konfrontation mit den Alltags- und Umweltreizen wichtig, um aus der vorsichtigen Annäherung einen souveränen Umgang zu formen. Herdenschutzhunde sind erst mit etwa drei bis vier Jahren und somit sehr spät erwachsen. In der Zeit des Heranreifens können sie schnell überfordert reagieren. Dazu ein Beispiel: Ein Herdenschutzhund-Welpe, der im dunklen Flur einem Besucher knurrend gegenübersteht, zeigt damit nicht, wie gern behauptet wird, ein Herdenschutzhund-typisches Verhalten. Vielmehr ist der junge Hund mit und in der Situation überfordert und verunsichert. Jetzt bedarf es eines souveränen Hundehalters, der dem Jungspund zur Seite steht. 

Sollte sich ein Ersthundebesitzer besser keinen Herdenschutzhund anschaffen? 
Häufig ist die Rede davon, dass Herdenschutzhunde erfahrene Besitzer benötigen. Doch was bedeutet erfahren und in welcher Beziehung und Richtung sollte diese Erfahrung bestehen? Ich habe durchaus Ersthundebesitzer erlebt, die hervorragend mit ihrem Herdenschutzhund den Alltag gestalten konnten. Umgekehrt gibt es aber auch immer wieder Hundebesitzer, die schon viele Hunde hatten und sich angeblich bestens auskennen, mit ihrem Hirtenhund aber gänzlich überfordert sind. 

Können Sie unseren Lesern, die sich für einen Herdenschutzhunde interessieren, noch ein paar Tipps geben? 

Wer sich für einen Herdenschutzhund interessiert, sollte Spontankäufe tunlichst vermeiden und sich stattdessen im Vorfeld umfassend informieren, mit verschiedenen Züchtern seiner gewählten Rasse sprechen und sich eingehend beraten lassen. Seriöse Züchter sagen auch, wenn diese Rasse für den jeweiligen Menschen nicht passt und denken nicht nur daran, ihre Welpen zu verkaufen. Wer einen Herdenschutzhund aus dem Tierheim übernimmt, sollte sich gerade in der ersten Zeit von einem kompetenten Hundetrainer begleiten lassen.