Sürhund Shaya rettet Nashörner in Afrika

Jedes Jahr töten Wilderer in Afrika mehr als 600 Nashörner wegen ihres Horns. Als Perdita Lübbe-Scheuermann das Leid mit eigenen Augen sieht, startet die Hundetrainerin und Coaching-Expertin gemeinsam mit Partnern die Aktion „Rettet das Nashorn“.

Nashornschutz durch Spürhunde

"Afrika ist nun einmal das Land, das mich irgendwie gefesselt hat", erzählt Hundetrainerin Perdita Lübbe-Schermann. Schon bei unserem ersten Besuch vor zehn Jahren war es für meinen Mann Ralf und mich mehr als eine Urlaubsreise. Wir interessierten uns zunehmend für die Kultur und Natur in Afrika. Aus diesem Interesse entstand der Kontakt zu Marius Coetzee, einem Ranger und Wildlife-Fotografen, der mittlerweile einer unserer besten Freunde ist. Er stellte den Kontakt zu Craig Spencer, dem Leiter einer Anti-Wilderer-Einheit im Greater Kruger Nationalpark in Südafrika her. So erfuhren wir aus erster Quelle von dem Schicksal der Nashörner. 

Ihr Horn bringt auf dem Schwarzmarkt bis zu 60.000 US-Dollar für das Kilogramm ein. Radikale Wilderer töten die Tiere und hacken ihnen das Horn sogar bei lebendigem Leibe ab. Mehr als 600 Nashörner müssen jährlich in Afrika wegen ihres Horns sterben. Der Nashornbestand umfasst aufgrund der zunehmenden Wilderei mittlerweile schätzungsweise nur noch 19.000 Tiere. Das pulverisierte Horn geht als Aphrodisiakum und Heilmittel gegen Krebs vorwiegend nach Asien, obwohl inzwischen widerlegt ist, dass das Horn eine heilende Wirkung hat. 

Craig Spencer führt mit seiner eher spartanisch ausgestatten Einheit, den Black Mambas, einen täglichen Kampf gegen diese oftmals gut organisierten Wildererbanden. Der engagierten Einheit zum Schutz der Nashörner fehlte es hingegen an festem Schuhwerk, angemessener Bekleidung, Nachtsichtgeräten und vielem mehr. Als wir bei einem unserer letzten Afrika-Aufenthalte erneut eine grausam zugerichtete Nashornkuh mit abgehacktem Horn sahen, beschlossen wir, gegen dieses profitgesteuerte Töten etwas zu unternehmen. 

Charity-Projekt: Rettet das Nashorn 

Uns selbst auf die Lauer zu legen erschien uns nicht nur aufgrund unserer europäischen Lebensweise als wenig probates Mittel. Trotzdem wollten wir die Einheit vor Ort sinnvoll unterstützen. Am besten mithilfe europäischen Tugenden wie Fleiß und Organisationstalent. Gesagt, getan! Bereits aus Afrika starteten wir via sozialer Netzwerke unseren ersten Hilferuf. Gigantisch erschien uns, was dann passierte. Mehr und mehr Freunde, Geschäftspartner und auch bislang noch fremde Personen sagten spontan ihre Unterstützung zu. 

Gemeinsam mit TASSO e.V. starteten wir offiziell das Charity-Projekt „Rettet das Nashorn“. Wir sammelten fleißig Sachspenden – unter anderem Bekleidung von Julius-K9, Schutzwesten, Handschellen und Polizeizubehör von der Firma POLAS, Batterien und sonstiges Material von Stil & Blüte. Bereits im April dieses Jahres konnten wir palettenweise Hilfsmittel zusammen mit Geldspenden von Jacana-Tours, South African Airways und Fressnapf übergeben und somit zur Verbesserung der Ausstattung der Black Mambas beitragen.  Für einen dauerhaften Erfolg im Kampf gegen die Wilderer und um zu gewährleisten, dass es auch in zehn Jahren noch Nashörner gibt, bedarf es jedoch noch weit mehr. In der ersten Jahreshälfte fielen schon knapp 500 Nashörner den Wilderern zum Opfer. Eine beängstigende Zahl, wenn man bedenkt, dass eine Nashornkuh nur alle drei bis vier Jahre kalbt. 

Ein Spürhund als Helfer 

Doch wie können die Ranger den Wilderern Herr werden? In Deutschland verrichten Tag für Tag hunderte Spürhunde einen fantastischen Job. Sie sind eine riesige Hilfe bei der Vermeidung und Aufklärung krimineller Machenschaften. Die enorme Leistung dieser Hunde hat mich schon immer fasziniert. So kam ich auf die Idee, einen Hund auszubilden, der Horn und Waffen aufspürt. Craig war ebenso begeistert wie ich und versicherte mir, dass solch ein Hund auch für ihn eine riesige Hilfe sei: bei der Durchsuchung von Fahrzeugen, Häusern und Hütten, bei Personenkontrollen oder einfach nur zur zusätzlichen Abschreckung - denn je stärker und versierter die Einheit, desto größer ist die Hemmschwelle der Wilderer; sofern es diese überhaupt gibt. 

Wow! Was habe ich mir da vorgenommen? Einen europäischen Hund für einen Einsatz in Deutschland auszubilden ist schon schwierig genug. Einen europäischen Hund für einen Einsatz in Afrika auszubilden ist noch einmal etwas ganz anderes. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Gerold Günther, Fachbereichsleiter Diensthundwesen der Polizeiakademie Hessen und ein Bekannter von mir, sagte seine Unterstützung bei diesem Vorhaben zu. Nun gab es also kein Zurück mehr: Wir werden einen Hund zum Schutz der Nashörner in Afrika ausbilden und im April 2013 an Craig Spencer übergeben. Von der Idee bis zur geplanten Übergabe bleiben uns nur wenige Monate. 

Malinois-Rüde Shaya 

Zunächst einmal musste wir uns überlegen, welcher Hund dieser Aufgabe gewachsen ist. Er sollte taff sein, hartnäckig seine Ziele verfolgen, schon alleine durch seine Statur beeindrucken und über ein stabiles Immunsystem verfügen – schließlich wird er Temperaturen von bis zu 50 Grad ausgesetzt sein. Die Wahl fiel auf einen dreijährigen Malinois-Rüden, der uns durch seine Beutepassion, Wendigkeit und Gelehrigkeit überzeugte.  Freunde und Unterstützer der Aktion „Rettet das Nashorn“ wurden beteiligt und stimmten über einen Namen für diesen tollen Hund ab. Er hört fortan auf den Namen Shaya. Für das leibliche Wohl von Shaya sorgte die Firma HAPPY DOG, die sich spontan bereiterklärte, Futterspenden für die Aktion zur Verfügung zu stellen. Ab 2014 übernimmt in Afrika die Firma ROYAL CANIN die Futterkosten für Shayas restliches Leben, das hoffentlich sehr lange andauern wird. 

Gerold Günther und ich bildeten den Hund parallel aus. Er lernte Waffen, Horn und Elfenbein aufzuspüren und anzuzeigen: kleine Mengen, große Mengen, an und in Fahrzeugen, in Behausungen, auf freien Flächen. Shaya wurde trainiert, trainiert, trainiert. In Afrika findet man Munition, Elfenbein und Horn fast überall – zum Beispiel in Autos, Taschen und unter der Erde. Bevor die Wilderer ihre Beute zur Grenze bringen, verstecken sie es in der Regel erst einmal. Was die Verstecke angeht, sind sie sehr findig. Wir belohnten Shaya für jede positiven Anzeige mit einem ausgiebigen Spiel. Das spornte ihn schnell zu absoluten Höchstleistungen an. Zwischendurch arbeitete ich mit Shaya immer wieder an Gehorsam und Buschtauglichkeit. In der Praxis zeigte sich bald, dass aus ihm der nahezu perfekte Hund für den geplanten Einsatz wird. Auch Polizeihundeführer Gerold Günther zeigte sich zufrieden. 

Zebras, Schlangen und Krokodile 

In Afrika wird Shaya Antilopen, Zebras, Gnus, Schlangen, Krokodilen und anderen Tieren begegnen, die eine Gefahr für ihn darstellen und denen er nicht hinterherhetzen darf. Doch wie sollen wir ein Umgangstraining etablieren, wenn schlangenreiche Gebiete und Krokodile, die plötzlich aus einem Wasserloch schießen, in Deutschland nun mal nicht zu finden sind? Ersatzweise haben wir viele Stunden an wechselnden Pferdekoppeln und im Reitstall verbracht. Anfangs wollte Shaya den plötzlich losgaloppierenden Huftieren folgen. Mit der Zeit nahm das jedoch ab. Er lernte gelassen zu bleiben und sah den Pferden nur noch zu. Es folgten Besuche im Kronberger Opel-Zoo. Dort ging es erst einmal darum, einfach nur dazusitzen und den fremdländischen Tieren ruhig bei ihrem munteren Treiben zuzusehen. Bei dem bekannten Alligator- und Schlangenfreund Orazio Martino und im Tierheim Darmstadt durften Schlangen und Krokos aus nächster Nähe betrachten – und konnten so Shayas Reaktion darauf beobachten. Mit Blick auf seine Aufgaben in Afrika wünschten wir uns von ihm Ruhe und Zurückhaltung im Umgang mit den Tieren. 

Shaya ging aufgrund seines aufgeweckten und erkundungsfreudigen Verhaltens jedoch selbstbewusst auf die Reptilien zu. Was nun? War der Einsatz von Shaya in Gefahr? Wir beratschlagten, ob wir dem Hund beibringen sollten, diese Tiere zu meiden. Das hätte allerdings dazu geführt, dass er Orte meiden würde, an denen sich Reptilien aufhalten oder aufgehalten haben – was eine Suche in Afrika sehr eingeschränkt hätte, wenn man bedenkt, wie viele unterschiedliche Arten von Reptilien es dort gibt. Shaya sollte in Afrika aber ohnehin nicht eigenständigen eine Fläche absuchen, sondern gezielt an einen Ort, Gegenstand oder Menschen herangeführt werden. Deshalb beschlossen wir, sein künftiges Herrchen Craig auf Shayas Unbefangenheit im Umgang mit Reptilien hinzuweisen und ihm die Fürsorge für seine Sicherheit zu übertragen. 

Afrikanische Menschen können sich optisch stark von europäischen Menschen unterscheiden. Wir unternahmen viele Spaziergänge und besuchten regelmäßig dunkelhäutige Menschen, bis sich Shaya vom unterschiedlichen Aussehen der Menschen mehr und mehr unbeeindruckt zeigte. Schließlich war die Vorbereitung auf Shayas Einsatz im Busch von unserer Seite erfolgreich abgeschlossen. Tierarzt Martin Kniese aus Darmstadt hatte inzwischen unentgeltlich alle erforderlichen Bluttests und Impfungen vorgenommen, sodass der Tag der Abreise und die Übergabe an Craig immer näher rückten.  Craig Spencer mit Shaya

Wie füreinander geschaffen 

Unser selbstbewusster und kräftiger Rüde, der Fremden eine natürliche Skepsis gegenüber zeigt, sollte nun an sein neues Herrchen übergeben und diesem innerhalb weniger Tage der Umgang mit Shaya zu Einsatzzwecken vermittelt werden. Gerold Günther, Ralf und ich wussten, dass der erste Moment des Aufeinandertreffens entscheidend sein würde. Wir wollten nichts dem Zufall überlassen und fühlten uns den deutschen Sicherheitstugend verpflichtet, sodass wir Shaya die ersten beiden Tage nach der Zusammenführung mit Craig einen Maulkorb tragen ließen. Mit Craig und Shaya hätte es jedoch gar nicht besser laufen können. Das Eis war sofort gebrochen. Bereits nach wenigen Tagen lebten sie wie ein altes Ehepaar zusammen. 

Um die Kommunikation klar und einfach und den Stress für Craig und Shaya möglichst niedrig zu halten, beschränkten wir uns auf einige wenige Signale wie „Sit“, „Down“, „Sucksuck“, „Go“ und „Hier“. Letzteres würde so schön streng deutsch klingen, meinte Craig beim Festlegen der Signale. Das war die Basisausstattung, bei der es jedoch nicht geblieben ist. Mittlerweile sprechen die beiden ihre ganz eigene Sprache und verstehen sich blind. Schnell hat sich herumgesprochen, dass nun ein ganz besonderes Mitglied zum Team der Black Mambas gehört. Immer häufiger werden Craig und Shaya auch von anderen Einheiten zu Einsätzen angefordert. Shayas Leistungen finden höchste Anerkennung und er macht seinen Job ausgezeichnet, wie uns Craig bestätigt hat. Allerdings ist Shaya so eng mit Craig, dass sich Fremde sehr vorsichtig annähern müssen. 

Zugegeben, wir werden vermutlich nicht die Mittel zusammenbekommen, über die die Wilderer für ihre Vorhaben verfügen. Aber wir haben etwas, das ohnehin unbezahlbar ist: eine über die Maßen engagierte Anti-Wilderer-Einheit, die Black Mambas, Freunde und Unterstützer der Aktion „Rettet das Nashorn“ und den ungebrochenen Willen, uns weiter für die Nashörner in Afrika einzusetzen.