Scheinträchtigkeit beim Hund

Erfahren Sie, wie Sie Ihrer Hündin während der Scheinträchtigkeit hilfreich zur Seite stehen können.

Scheinträchtigkeit Hund

Jetzt fängt das wieder an: Hündin Hailey sucht verstärkt nach einem Bau, nach irgend einem Unterschlupf für ihre Welpen. „Babys“, die sie gar nicht bekommen wird. Denn Hailey ist „scheinträchtig“. Scheinträchtig. Das klingt so, als hätte die 6-jährige Australian Shepherd- Hündin plötzlich eine Psychose entwickelt, sozusagen den Bezug zur Realität verloren. Alle Tierärzte und Hundetrainer in meinem Umfeld raten unisono: Lass den Hund kastrieren. Aber muss das wirklich sein?  

Biologisch betrachtet gibt es die Scheinschwangerschaft bei allen Hundeartigen. Sie dient dazu, den Fortbestand eines Rudels zu gewährleisten, falls das Muttertier nicht genug Milch produziert. Die ersten Verhaltensauffälligkeiten beginnen sechs bis acht Wochen nach der Läufigkeit. „Scheinträchtigkeit und Scheinmutterschaft, das muss man voneinander unterscheiden“, erklärt der Verhaltensbiologe Udo Gansloßer.  

Genau, in Haileys Fall ist die Scheinträchtigkeit deutlich weniger problematisch als die Scheinmutterschaft. Selten ist die Hündin so „lammfromm“ und anhänglich wie in dieser Zeit. „Kein Wunder“, meint Gansloßer, „Der Hormonspiegel im Blut ist bei trächtigen wie bei nichtträchtigen Hündinnen nahezu gleich.“ 

Welche Prozesse laufen im Körper ab?

Verantwortlich für die Scheinträchtigkeit ist demnach Prolaktin, als wichtigster Faktor für die Produktion des Trächtigkeitshormons Progesteron. Experten wie Prof. Dr. Iris Reichler von der Universität Zürich kennen die Prozesse, die im Körper der Hündin ablaufen, ganz genau: „Die Prolaktinkonzentration steigt zwischen dem 28. und 35. Tag des Zyklus der trächtigen, wie auch der nichtträchtigen Hündin deutlich an. Prolaktin ist neben der Aufrechterhaltung der Gelbkörper und der Progesteronsekretion zuständig für die Mammaogenese (Gesäugeanbildung), Laktogenese (Milchbildung) und Laktation (Milchproduktion).“ Und das wirkt sich auf das Verhalten aus: Soziale Auseinandersetzungen werden nach Möglichkeit vermieden und das Brutpflegeverhalten ausgelöst. 

Auch Wölfinnen sorgen während ihrer Trächtigkeit dafür, dass sich die anderen Familienmitglieder wohlfühlen. Das hat ganz pragmatische Gründe: Schließlich kann eine „werdende Mutter“ nichts weniger gebrauchen, als Stress. Das könnte den „Babys“ schaden.

Einige verteidigen ihr „Nest“

Die Friedfertigkeit hält ungefähr bis zur Geburt der vermeintlichen Welpen an. Diese Termin liegt normalerweise zwischen dem 57. und 65. Tag der „Trächtigkeit“. Dann kann’s haarig werden. Viele Hündinnen neigen nämlich zur Nestverteidigung. Während Haileys Freundin Jessy, eine neunjährige Basenji-Mix-Dame, ihr Hundebett mitsamt den „Welpenattrappen“ mit lautem Knurren und Zähne zeigen vor Herrchen und Frauchen verteidigt, geht Australian Shepherd Easy noch einen Schritt weiter. Die sechsjährige Hündin nimmt gleich ein ganzes Zimmer für sich und ihre Welpen in Anspruch. Problematisch wurde dieses Verhalten, als ein Freund der Familie die Hündin wie gewohnt begrüßen wollte – und nichtsahnend den Raum betrat. „Easy knurrte, rannte dann auf Jonas los und schnappte nach ihm“, berichten die Besitzer.

Mit diesem Verhalten steht Easy nicht alleine da. Schluss mit lustig – das findet jetzt auch Hailey und wird für ihren Mitbewohner, Kleinspitz Samy, unberechenbar. Die beiden Stofftiere, die sonst immer in der Wohnung herum liegen und beiden zur Verfügung stehen, haben eine andere Bedeutung bekommen. Je nach Laune lebt Hailey mit ihnen ihren Mutterinstinkt aus. Sie schleppt eines der Stofftiere in ihr Hundebett, legt es sich auf die Pfoten, um den Kopf darauf abzulegen. Ein anderes Mal ist es wieder ein normales Spielzeug, das man mit sich herumtragen oder schütteln kann. Aber wehe, wenn Samy sich nähert … dann wird die Aussie-Dame zur Furie.

Sorgen Sie für Ablenkung

Egal, ob Jessy, Easy oder Hailey – für alle drei Hündinnen ist das Spielzeug also von großer Bedeutung. Ist es überhaupt ratsam, ihnen den Welpenersatz zu lassen? Die Antwort ist abhängig davon, wie stark sich der Vierbeiner mit seinen vermeintlichen Welpen beschäftigt. Das ist gleichzeitig ein Hinweis auf die Höhe des Prolaktinspiegels im Blut. Eine ständige Beschäftigung mit den Welpenattrappen führt zu einer vermehrten Milchproduktion. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich daher, das Spielzeug vorläufig außer Reichweite des Vierbeiners aufzubewahren.

Diese Maßnahme wird die Scheinmutterschaft jedoch nicht stoppen. Wenn die Milchdrüsen geschwollen sind, ist das für viele Hündinnen unangenehm. Auch Hailey zeigt sich zwischendurch immer mal wieder gestresst von dieser körperlichen Veränderung. Sie will die Schwellung der Milchleiste loswerden und leckt sich den Unterbauch. Keine gute Idee, denn dadurch verschafft sie sich keine Linderung, sondern kurbelt erst recht den Milchfluss an. Ich muss eingreifen.

Ablenkung ist gefragt. Also gehe ich viel mit ihr spazieren, erarbeite neue Tricks mit ihr und bringe sie auf andere Gedanken. Obwohl ich weiß, dass es dauern kann, bis sich eine Besserung einstellt und die Schwellung zurückgeht, entschließe ich mich, die Hündin vorsichtshalber einem Tierarzt vorzustellen. „Die Milchleiste ist nicht übermäßig angeschwollen und das Gewebe ist weich“, erklärt die Ärztin als sie Hailey auf dem Behandlungstisch abtastet. „Auch die Gebärmutter fühlt sich unauffällig an.“ In der Praxis gibt man mir ein sogenanntes Antiprolaktin mit. Das Medikament soll den Milchfluss stoppen. Auf der Packung wird als Hauptwirkstoff Cabergolin angeführt. Verhaltensbiologe Udo Gansloßer will herausgefunden haben: „Der Wirkstoff Cabergolin gilt als Aktivator des Adrenalin/Noradrenalin-Systems. Wir beobachten, dass manche Hündinnen vorwärtsaggressiv werden können.“ Konkrete Studien liegen bislang allerdings noch nicht vor. Ich möchte wissen, ob es andere Behandlungsmethoden gibt. Frühzeitig angewendet könnte möglicherweise auch die Homöopathie eine Alternative zur Schulmedizin darstellen.

Dazu treffe ich mich mit der Tierheilpraktikerin Birgit Wolf in Lippetal (Westfalen). Sie hat vor einigen Jahren ihre Facharbeit über die „Scheinträchtigkeit der Hündin in der Tierheilpraxis“ geschrieben. Für sie steht fest, dass es nicht ausreicht, nur homöopathische Präparate zu geben, die Hündin muss ganzheitlich betrachtet werden. „Da spielen viele Faktoren mit rein“, sagt sie, „Fütterung, Impf,- Wurm- und Zeckenmanagement“.

Auf gesunden Geist und Körper achten

Eine rundum gesunde Hündin wird mit allem besser fertig als eine, die zu vielen Belastungen ausgesetzt ist.“ Eine regelmäßige Entgiftung des Körpers, ob homöopathisch oder mit Kräutern gehört für Wolf genauso dazu wie ein hochwertiges Hundefutter. „Symptome der Scheinträchtigkeit können dann trotzdem noch auftreten“, sagt die Teilheilpraktikerin, „aber in abgemilderter Form.“ Trotzdem ist die Skepsis vieler Hundebesitzer nachvollziehbar: Wer einmal sein Tier wegen einer Entzündung der Gebärmutter verloren hat, der scheut sich vor Experimenten und lässt kastrieren, sobald Symtome einer Scheinmutterschaft erkennbar sind. Die Fachwelt hingegen ist sich einig. „Verhaltenstherapie und in schwereren Fällen Halskragenpflicht, sowie die medikamentelle Therapie sind in der Regel ausreichend“, sagt Prof. Dr. Iris Reichler. Und Hailey? Ihr hat Medizin und viel Beschäftigung letztlich geholfen, die Phase der Scheinmutterschaft gut zu überstehen. Mittlerweile spielt sie wieder gut gelaunt mit ihren Hunde-Kumpels im Garten. Eine Kastration ist für uns erst mal kein Thema.



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Den kompletten Artikel finden Sie im Heft 3/2016