Wenn der Hund an der Leine zieht

Sobald ein anderer Hund in Sicht ist, zieht Duke bellend an der Leine. Hat der Parson Russell Terrier ein ernsthaftes Problem mit seinen Artgenossen? Nein! „Frauchen ist in die Hundeplatz-Falle getappt“, sagt Holger Schüler.

Hund Leine

Als Hundeerziehungsberater sitzt man viel an Wohnzimmertischen – meist mit einer Tasse Kaffee, und hört sich an, was die Hundebesitzer zu ihrem lieben Vierbeiner zu erzählen haben. Heute ist auf dem Wohnzimmertisch ein wahres Waffenarsenal aufgebaut: Rappeldose, Wurfkette, Sprühflasche. Ich bin froh, nicht auch noch ein Elektrohalsband zu entdecken. Die Hauptperson sitzt derweil unter dem Tisch und beobachtet mich misstrauisch.

Der will nur spielen

Parson Russell Terrier Duke hat sich immerhin schon einen etwas unsanften kleinen Schubser von mir eingehandelt. Zähne im Jackenärmel oder Hosenbein betrachte ich nämlich nicht als freundliche Begrüßung. Vorerst ist Duke also zurückhaltend. Ich glaube aber nicht, dass meine Antwort auf seine „Der will nur spielen“-Attacke den strammen kleinen Kerl allzu sehr verunsichert hat. Nicht, wenn ich mir all die sogenannten Hilfsmittel anschaue, die er im Lauf der Jahre um die Ohren bekommen und stets komplett ignoriert hat.
Dukes Besitzer sind hingegen beeindruckt – davon, dass es mir gelungen ist, ihren Hund zu beeindrucken. Das kommt nicht so häufig vor. Der siebenjährige Rüde ist ein ziemlich kerniger Bursche und hochgradig leinenaggressiv. Er geht auf alle anderen Rüden los. Ärger mit den Nachbarn, Stürze bei Glatteis, sogar ein gebrochenes Handgelenk sind die unerfreuliche Bilanz. Daran konnten auch sämtliche Wurfgeschosse nichts ändern.

Wer hat das Kommando?

Wir schauen uns das Ganze draußen an. Unbewaffnet natürlich. Und das ist Duke in Aktion: flachmachen, aus vollem Hals bellen, mit aller Kraft in die Leine stemmen und dabei Frauchen – alle „Aus! Duke! Aus!“-Rufe ignorierend – hinter sich herzerren. Nur mit Mühe schafft es seine Besitzerin am anderen Hund vorbei. Erstaunlich, denn schließlich ist Duke kräftemäßig eindeutig unterlegen. Der Hund wiegt ja gerade mal sechs Kilo! Aber er hat den psychologischen Vorteil komplett auf seiner Seite. Frauchen glaubt so fest daran, sowieso nichts tun zu können, dass sie auch genau das tut: nichts.

Wer Terrier wie Duke kennt, weiß, dass diese Hunde ihre mangelnde Körpergröße oft mit derart viel Entschlossenheit und Mut wettmachen, dass man tatsächlich darauf hereinfallen kann. Ich sage immer: Eigentlich sind diese Hunde im falschen Körper gefangen. Ihr niedliches Äußeres wird ihrem Ego einfach nicht gerecht. Und das soll nicht heißen, dass ich diese Hunde nicht mag – im Gegenteil! Sie sind intelligent, selbstbewusst, agil und sehr charakterstark, eben eine Herausforderung.

Der wichtigste Moment für mich bei einer ersten Beratungsstunde ist aber nicht der Augenblick der Wahrheit: „Sehen Sie, Herr Schüler, das macht er immer!!!“ Worauf ich achte, sind die Momente davor: Wie ist die Interaktion zwischen Hund und Mensch? Wie läuft das Anleinen ab, wie die ersten Meter nach der Haustür? Lange vor der ersten Hundebegegnung liegt sozusagen der Hund begraben – so auch bei Duke. Kaum steht Frauchen auf, rennt er zur Tür und macht gerade mal so lange Sitz, wie es eben dauert, die Leine einzuhaken. Mit dem Öffnen der Tür springt er sofort auf und zieht Frauchen hinter sich her auf die Straße. Draußen nimmt er kaum noch zur Kenntnis, wer da hinten dran hängt, schließlich hat er Wichtigeres zu tun. Die meisten Hundehalter nennen das wohlwollend „Zeitung lesen“. Ich nenne das: Der Hund entscheidet, wo es langgeht, in welchem Tempo, und wo er schnüffeln und pinkeln möchte. Oh, und welch Überraschung: natürlich auch, wen er anbellen und vertreiben möchte. Kurz gesagt: Dukes Besitzerin hat jeden Anspruch auf Führung vom ersten Moment an aus der Hand gegeben. Dort gilt es anzusetzen.

Aufmerksamkeit einfordern

Bevor wir also an der Leinenpöbelei arbeiten können, müssen erstmal ein paar grundlegende Vereinbarungen getroffen werden. Duke soll nicht an der Leine ziehen, nicht vorausstürmen und seine Besitzerin soll Tempo und Richtung bestimmen. Sie soll entscheiden, wo Duke schnüffeln darf und wo nicht. Viele Hundebesitzer stellt das durchaus vor Schwierigkeiten.

Und nun passiert etwas Erstaunliches: Die beiden meistern die Aufgabe mit Bravour! Ich bin überrascht. Die Erklärung liefert die Besitzerin von Duke aber gleich nach: „So machen wir es ja auch auf dem Hundeplatz!“ Duke hat schließlich eine sehr gute Begleithundeprüfung abgelegt und ist seit Jahren erfolgreich auf Agility-Tunieren unterwegs.

Für Duke ist die Sache gleich klar, als würde er sagen: „Ach so, das will sie, dann laufe ich jetzt eben ordentlich bei Fuß. Kein Problem!“ Duke mag die Aufmerksamkeit, die Abwechslung und die gelegentliche Belohnung. Er ist clever und gern bereit, mitzuarbeiten. Auch beim ganz normalen Gassigehen – nur hat das noch nie jemand von ihm verlangt. Frauchen ist in die „Hundeplatz-Falle“ getappt. Wie so viele Hundehalter hat sie völlig versäumt, mit dem Hund beim normalen Spaziergang genauso zu kommunizieren, wie sie das auf dem Hundeplatz geübt hat. Wie soll der Hund dann darauf kommen, dass hier wie dort dieselben Regeln gelten? Im „Hundeplatz-Modus“ meistern die beiden dann prompt eine Begegnung mit meinem Rüden Falk – und zwar ohne Ausraster.

Der nächste Übungstag findet auf einer Wiese statt. Mit zehn anderen Rüden, die Duke allesamt nicht kennt. Das ist sogar Duke unheimlich. Unter diesen Umständen orientiert er sich dann doch lieber an Frauchen und zieht es vor, keinen Streit zu suchen. Ein toller Erfolg für die beiden. Ist Duke damit kuriert? Natürlich nicht. Rückfälle gibt es immer wieder. Vor allem dann, wenn seine Halterin nicht rechtzeitig die volle Aufmerksamkeit ihres Hundes einfordert und konsequent die Regeln durchsetzt. Ganz schnell schleichen sich alte Fehler wieder ein. Vor allem, wenn man immer nur um die gleichen vier Ecken geht und immer denselben Hunden begegnet. Um Hunden wie Duke zu zeigen „Ich passe auf dich auf – und nicht umgekehrt!“ ist es am besten, viel zusammen zu erleben und gemeinsam Herausforderungen zu meistern. Und das nicht nur auf dem Hundeplatz.