Den Hund loben

Kann Erziehung ausschließlich auf Lob basieren oder brauchen Hunde klare Grenzen? In der Hundeerziehung wird viel über unterschiedliche Methoden diskutiert – und dabei oft vergessen, dass erfolgreiche Erziehung vor allem Beziehungsarbeit und die Bereitschaft erfordert, Rückfragen des Hundes zu beantworten.

Hund loben

Nur noch selten steht der Hund seiner Rasse entsprechend im Gebrauch. Stattdessen wollen wir ihn als vollwertiges Familienmitglied und gleichberechtigten Partner an unserer Seite. Wir lieben unseren Vierbeiner und möchten eine von Harmonie und Freude geprägte Zeit mit ihm verbringen. Weil wir alles richtig machen wollen, melden wir uns bei einer Hundeschule an, die mit gewaltfreien Erziehungsmethoden nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Lerntheorie für sich wirbt. Um Probleme von Anfang an zu vermeiden, soll das neue Familienmitglied bereits als Welpe optimal in seiner Entwicklung gefördert werden. 

Positive Verstärkung 

In sanften Erziehungskursen lernt der Hund die formale Bedeutung verschiedener Signale wie „Sitz“, „Bleib“ oder „Hier“ kennen. Macht der Vierbeiner brav mit, gibt es ein Lob und ein Leckerli. Unerwünschte Verhaltensweisen sollen diesem Erziehungskonzept folgend nicht bestraft, sondern möglichst ignoriert werden. Dass sich Fehlverhalten, wie zum Beispiel das Anspringen nicht lohnt, soll der Schüler am Ausbleiben der Belohnung erkennen. Lernziel ist, den Hund mit ausschließlich positiver Verstärkung zu einem gehorsamen, mit Mensch und Tier sozialverträglichen Begleiter zu erziehen. Loben klingt schön.    Erziehung soll Spaß machen und nicht grob oder anstrengend sein. Soweit, so gut. Aber was, wenn die schöne Welt im Alltag nicht funktioniert? Wenn er uns einsam mit unseren Leckerli auf der Wiese zurücklässt? Wenn er auf unsere Zuneigung und Bällchen pfeift, weil er feststellt, dass es noch viel beglückender ist, einen Radfahrer zu jagen und Pizzareste vom Boden zu fressen? 

Verbindliche Spielregeln 

In Situationen, in denen es nicht klappt, fragen wir uns, was in der Erziehung falsch gelaufen ist. Dabei sollten wir in diesem Zusammenhang vor allem über die  Qualität der Mensch-Hund Beziehung nachdenken. Nimmt uns unser Hund wirklich ernst? Oder sind wir für ihn der immer nette Kumpel, an den man sich aus Hundesicht wenden kann, wenn gerade nichts Spannenderes geboten ist? Doch betrachten wir das Ganze einmal andersherum. Wenn wir den Hund in seinen Anlagen und seiner Persönlichkeit ernst nehmen wollen, muss Erziehung mehr als das Konditionieren von „Sitz“, „Platz“ und „Hier“ bedeuten.

Mit dem Einzug eines Welpen oder eines erwachsenen Hundes erhalten wir einen Erziehungsauftrag. Als soziales Wesen hat er ein Recht auf klare Strukturen und Rückmeldung über sein Verhalten. Was ist erlaubt und was nicht? Erziehung bedeutet, dass mit dem formalen Erlernen von Signalen wie „Sitz“ und „Platz“ auch verbindliche Spielregeln im sozialen Miteinander festgelegt werden müssen, um angemessenes Verhalten in jeder Situation zu sichern. Für uns als Erziehungsbeauftragte heißt das, einen Handlungsrahmen für den Hund abzustecken, den Hund in seinem Tun zu begrenzen und unpassendes Verhalten zu unterbinden. Wir müssen glaubhaft und zum richtigen Zeitpunkt vermitteln können: Das, was du gerade tust, will ich so nicht. Also lass es!

Ignorieren hat Folgen

Im Sinne der Lerntheorie bedeutet das, dem Hund etwas Angenehmes wegzunehmen und/oder etwas Unangenehmes zuzufügen (siehe Kasten). Das klingt nicht schön. Begrenzung oder Strafe assoziieren wir mit wütenden, gewalttätigen Aktionen, manchmal sogar mit Ungerechtigkeit. An dieser Stelle muss ganz klar sein, dass Wut oder Unbeherrschtheit in der Erziehung nichts verloren haben! Die Tage, in denen dem Hund mit Drill und Zwang der Gehorsam beigebracht werden sollte, sind glücklicherweise weitestgehend passé. Wollen wir dem Hund etwas beibringen, dann bitte mit Geduld und Lob. Dass er durch angenehme Erfolgserlebnisse am nachhaltigsten lernt, ist wissenschaftlich hinlänglich bewiesen.

Mit Blick auf die oft bemühte Lerntheorie ist die Behauptung, in der auf positiver Verstärkung basierenden Erziehung gehe es auch ganz ohne Strafe, aber auch falsch und irreführend. Schließlich gibt es Situationen, in denen jeder Hundehalter erkennen muss, dass das Ignorieren unerwünschten Hundeverhaltens Folgen hat – sowohl für die Umwelt als auch für unseren Schützling selbst. Wird unser Vierbeiner, wenn er zur Jagd auf Nachbars Katze ansetzt, geschimpft, eingefangen und angeleint, wirken gleich zwei strafende Maßnahmen: positive Strafe, weil er gemaßregelt und gegen seinen Willen in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird sowie negative Strafe, weil die für ihn äußerst selbstbelohnende Beschäftigung abgebrochen wurde.