Wie viel Regeln braucht ein Hund?

Ein Hund benötigt Raum für seine individuellen Bedürfnisse, aber auch Regeln, die Ihren Hund und andere vor Schaden bewahren. Welche Regeln sind sinnvoll, welche stören?

Hund Regeln

Wie das Wort Regel schon sagt, geht es darum, dass etwas geregelt wird. Im Falle der Mensch-Hund-Gemeinschaft sind das die Bedingungen, in denen wir gemeinsam leben. Dabei sollte jedes Individuum so viele Freiheiten wie möglich haben. Gleichzeitig sollten nur so viele Regeln wie nötig aufgestellt werden. Damit wären schon mal wichtige Voraussetzungen für ein entspanntes und harmonisches Zusammenleben von Menschen und Hunden geschaffen.

Althergebracht sind in diesem Zusammenhang die sogenannten Hausstandsregeln. Zum Beispiel: Der Hund darf niemals zuerst durch die Tür gehen und nicht am oder unter dem Tisch liegen, während die Menschen essen. Schon gar nicht darf der Hund ins Bett. Der Halter darf nicht auf seine Spielaufforderung eingehen und muss ihm jederzeit sein Futter und Spielzeug abnehmen können. Das Ganze wird oftmals pauschal angewendet, ganz gleich, ob es bereits spezielle Probleme gibt oder nicht. Würde man all diese Regeln befolgen, müsste sich der Hund stellenweise in Luft auflösen und er dürfte nur erscheinen, wenn wir uns etwas von ihm wünschen.

Hundetypen

Es besteht bestimmt Einigkeit darüber, dass der Hund ein Lebewesen mit eigener Persönlichkeit, eigenen Wünschen und Bedürfnissen ist. Bombardiert man den Hund mit dem gesamten Regelwerk, bleibt ihm kaum noch Raum, um seine individuellen Bedürfnisse in gesundem Maße auszuleben. Einige der allgemein gebräuchlichen und Hundehaltern oft pauschal empfohlenen Regeln sind je nach Individuum völlig überflüssig und stören das soziale Miteinander. Nicht alle Regeln müssen starr sein und zu 100 Prozent eingehalten werden. In den meisten Fällen funktioniert das ohnehin nicht. Dazu sind Hunde viel zu trickreich und geschickt.

Es gibt allerdings Regeln, die es strikt einzuhalten gilt, um Schaden vom eigenen Hund und auch von anderen abzuwenden. Der Hund darf zum Beispiel nicht als Erstes durch die Tür, wenn er sich beim Anblick einer Katze nicht beherrschen kann und ungefragt über die Straße rennt. Oder sich sofort auf Nachbars Lumpi stürzt, sobald dieser in Sichtweite ist. In beiden Fällen brächte so ein Verhalten sowohl den eigenen Hund als auch andere Lebewesen in Gefahr. Hier gilt die Regel: Du hast ausnahmslos zu warten! Ist hingegen mit solchen Handlungen nicht zu rechnen, kann der Vierbeiner zuerst durch die Tür gehen, da er ohnehin warten würde, bis der Mensch kommt. Regeln sind demnach also eine Frage des Hundetyps und des Zwecks, für den sie bestimmt sind bzw. den sie regulieren sollen.

Richtig regulieren

Unerwünschtes Verhalten des Hundes sollte vom Menschen exakt an der Stelle reguliert werden, an der es auftritt. Der Hund, mit dem das Zusammenleben in der Regel entspannt verläuft und mit dem es lediglich Probleme gibt, wenn er auf der Gassirunde einem Artgenossen begegnet, wird durch das Auferlegen von zig irrelevanten Hausstandsregeln unterwegs keine oder wenn überhaupt nur eine minimale Verhaltensänderung zeigen. Regeln sollten an der Stelle zum Einsatz kommen, an der sie etwas Bestimmtes regulieren. Der Hund, der Besucher an der Haustür unangenehm bedrängt oder bedroht, sollte fortan die Regel befolgen, in dieser Situation ruhig auf seinem Platz zu verweilen. Ob Sie ihm während des Fressens 15- mal seinen Napf wegnehmen können hat eher geringen Einfluss darauf, wie er mit Besuchern verfährt.

Liegt es einem Hund fern, den gedeckten Tisch zu stürmen, wird er nur schwer verstehen, wenn er nicht in der Nähe seiner Lebensgemeinschaft sein darf und ausgegrenzt wird. Versperrt ein Hund nicht absichtlich den Laufweg des Menschen, wird es ihn endlos nerven, wenn er immer wieder aufstehen muss, nur weil der Zweibeiner nicht gewillt ist, einen kleinen Schlenker um ihn herum zu machen. Viele Hunde finden es einfach nur bequem, an bestimmten Plätzen zu liegen – zum Beispiel im Sommer an einem kühlen Platz mit etwas Zugluft, im Winter an einem warmen Platz oder an einer Stelle, die sich besonders gut dazu eignet, um sich bequem anzulehnen und dabei die Gliedmaßen entspannt von sich zu strecken.

Unnütze Regeln

Unnütz sind auch Regeln, die etwas regeln, das ohnehin keine größeren Probleme bereitet. Als ich mich bei einer Kundin, deren Hund Besucher bedrohte, nach bestehenden Regeln erkundigte, antwortete sie mir: „Er darf nicht auf die Couch und nicht ins Bett, er bekommt nichts vom Tisch, muss warten, bis er sein Fressen aus dem Napf nehmen darf und auf Verlangen sein Spielzeug fallen lassen. Das klappt auch alles, nur wenn Besucher kommen, will er einfach nicht gehorchen.“ Daraufhin fragte ich, was sie machen würde, wenn ihr Hund auf die Couch will. „Das möchte er eigentlich fast nie, meistens liegt er ohnehin direkt vor der Haustür und wartet, ob jemand kommt“, antwortete meine Kundin. An diesem Beispiel wird deutlich, dass der Hund in jenen Situationen klare Regeln braucht, die im Zusammenhang mit dem unerwünschten Verhalten stehen. Eine dienliche Regel wäre im beschriebenen Fall, den Hund nicht mehr in unmittelbaren Nähe der Tür ablegen zu lassen, sondern auf einem ihm zugewiesenen Platz. Und zwar erst recht, wenn Besuch kommt.

Ampel-Prinzip

Regeln dienen dazu, den Hund mit der gewünschten Struktur des Zusammenlebens vertraut zu machen. Was darf er immer, was manchmal und was nie? Was hat er zu erwarten, wenn er etwas Unerlaubtes tut? Wie reagieren Sie, wenn er erwünschtes Verhalten zeigt? Es ist sinnvoll, dass sich alle Mitglieder der Gemeinschaft auf bestimmt Regeln einigen und bei der Einhaltung an einem Strang ziehen. Regeln sollten für den Hund keinesfalls nur in Form von negativen Konsequenzen sichtbar werden. Wenn ein Hund erwünschtes Verhalten zeigt, darf die positive Reaktion nicht ausbleiben. Das kann ein Lob, ein wohlwollender Blick oder ein Leckerli sein. Als probates Mittel zum Erarbeiten und Aufstellen einer zweckmäßigen Regelung für das entspannte Zusammenleben von Mensch und Hund hat sich das sogenannte Ampel- Prinzip erwiesen. Danach werden Verhaltensweisen mit den Farben Grün, Gelb und Rot belegt. Grün steht für Verhalten, das der Hund grundsätzlich zeigen darf. Orange bedeutet, das Verhalten wird je nach Situation geduldet oder reguliert. Das heißt, der Hund soll vorher „fragen“, ob er es dieses Mal darf. Mit Rot belegtes Verhalten ist grundsätzlich unerwünscht und wird konsequent reguliert.

Hopp oder Stopp

Bei uns zu Hause fällt zum Beispiel das Ablegen auf dem Sofa in den gelben Bereich: Die Hunde dürfen auf die Couch, wenn sie vorher um Erlaubnis fragen und diese erhalten. Wie das geht? Einer der Hunde steht vor der Couch, schaut abwechselnd uns und die Couch an, um anzudeuten, dass er gerne auf diese möchte. Nach einem deutlichen „Hopp“ macht er sich dort breit. Bleibt die Anfrage unkommentiert, ist es diesmal nicht gestattet. Nach einigen Versuchen, ohne explizite Aufforderung auf die Couch zu gelangen, die mit einem unmissverständlichen „Runter“ quittiert wurden, war die Regelung sehr schnell klar. Der eine versteht es schneller und dreht sich weg, der andere hält etwas länger durch. Schließlich sieht er es aber auch ein und sucht sich ein anderes komfortables Plätzchen – was gerade am Anfang des Vermittelns der Regel durchaus mit einem Lob oder einem Leckerli belohnt werden kann. Eine Vielzahl meiner Kunden lässt ihre Hunde je nach Situation sowohl auf die Couch als auch ins Bett. Was viele Hausstandsregel-Verfechter grundsätzlich im roten Bereich einstufen würden, fällt bei ihnen in den gelben Regelbereich. Ihre Hunde wissen, was erlaubt ist, was nicht und was sie nur nach einer positiv beantworteten Rückfrage dürfen. Dadurch gelingt es, die Hunde unbeschadet durchs Leben zu bringen und gleichzeitig andere nicht zu belästigen.