Der Trend zum Zweithund

Viele Hundehalter denken darüber nach, sich einen zweiten Hund anzuschaffen. Wir sind der Frage nachgegangen, ob es diesen Trend wirklich gibt und was die Haltung von zwei Hunden so reizvoll macht.

Zweithund

Einige Hundetrainer und Hundehalter meinen ihn zu erkennen, andere sind wiederum der Meinung, viele Hundebesitzer wären mit zwei Hunden überfordert – und wollen alleine schon deshalb nicht so recht daran glauben. Laut einer vom Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe Deutschlands e.V. (ZZF) im April 2012 in Auftrag gegebenen Studie leben in den deutschen Haushalten mit Hund im Durchschnitt 1,4 Hunde. „Im Vergleich zu anderen Heimtierarten ist das die niedrigste Zahl. Katzen liegen bei 1,9“, sagt ZZFPressesprecherin Antje Schreiber. Dennoch hat sich dieser Erhebung zufolge fast jeder zweite Hundehalter für mehr als einen Hund entschieden.

Pro und Contra Zweithund

Trend hin oder her, viele Menschen finden Hunde so lebensbereichernd, dass sie sich noch einen weiteren Hund zulegen. Gründe dafür gibt es neben der Liebe zu Hunden viele, wie auch verschiedenste Studien zeigen: Hundehalter leben gesünder, leiden weniger unter Stress und werden von ihren Mitmenschen positiver wahrgenommen. Zudem sind Hunde sehr soziale und gesellige Lebewesen, die den Kontakt zu Artgenossen suchen. Mit mehreren Fellnasen unter einem Dach zu leben kann aber auch ganz neue Probleme mit sich bringen. Die Hoffnung, durch einen vierbeinigen Spielgefährten selbst mehr Entlastung zu haben, wäre jedenfalls ein Trugschluss, denn Hunde können sich auch gemeinsam langweilen. Hinzu kommt die Verantwortung, Streitigkeiten zu regulieren und Zeit zu investieren, damit jedes Tier individuell gefördert wird und sich innerhalb der Gemeinschaft wohlfühlt.

„Ob ein Zweithund die richtige Entscheidung ist, hängt von vielen Faktoren ab“, weiß Hundetrainerin Silvia Stasch aus langjähriger Erfahrung. Die Leiterin der Hundeschule und des Hundehotels Bello Marsch in Versmold hat ihr Leben auf die Haltung und Erziehung von Hunden ausgerichtet. In ihrem großen Haus mit weitläufigem Garten tobt ihr sechs Monate alter Hovawart Frithjof mit den Besucherhunden herum. Ihre 16 Viele Hundehalter denken darüber nach, sich einen zweiten Hund anzuschaffen. Manche sprechen gar von einem Trend zum Zweithund. Wir sind der Frage nachgegangen, ob es ihn wirklich gibt und was die Mehrhundehaltung so reizvoll macht. Text: Carolin Hlawatsch Jahre alte Mischlingshündin Bonita schaut sich das wilde Treiben aus sicherem Abstand an. „Hunde können nicht lügen. Das macht sie für mich so wunderbar“, sagt Silvia Stasch. In ihrem Wohnzimmer hängen gerahmte Fotos von Rottweiler Amigo, Yorkshire Terrier Wischi und Hovawart Benito – geliebte Familienmitglieder, die inzwischen verstorben sind. Mehrere Hunde zu halten sei für sie so gut realisierbar, weil sie den Beruf der Hundetrainerin praktiziere. „Zwei Hunde zu haben, bedeutet aber auch die doppelte Arbeit. Es erfordert viel Wissen über das Wesen der Hunde und die Bereitschaft, viel Zeit zu investieren. Das müssen sich Hundebesitzer, die andere Berufe praktizieren, klar machen.“

Deshalb rät die Hundetrainerin einigen Ihrer Kunden von einem Zweithund ab, während sie andere auch schon mal dazu ermutigt. Einen klaren Trend zum Zweithund erkenne sie derzeit nicht. Wenngleich Hunde soziale Rudeltiere sind, können sie sich auch ohne einen Artgenossen im Haushalt wohlfühlen. Die Besitzer bilden dann zusammen mit ihrem Vierbeiner das Rudel. Die wichtigste Voraussetzung für das Wohlbefinden des Hundes sei laut Silvia Stasch ohnehin, viel mit ihm zu unternehmen und ihm den Kontakt zu Artgenossen zu ermöglichen.

Der richtige Zeitpunkt

Vor der Anschaffung eines zweiten Hundes gilt es neben dem Zeitfaktor aber noch mehrere Dinge abzuwägen. „Für mich kommt ein zweiter Hund immer erst dann in Frage, wenn mit dem ersten alles super klappt“, so Silvia Stasch. Natürlich spielt auch die Rasse eine Rolle. Malteser oder Bologneser sind meistens sehr anschmiegsam, wollen beschmust und auch ausreichend beschäftigt werden. Man muss mit ihnen aber nicht so viel arbeiten, wie mit anderen Rassen. Das macht es für den Halter von zwei oder mehreren Hunden dieser Rasse etwas einfacher. Anders verhält es sich bei Meutehunden wie dem Beagle oder Foxhound, die aufgrund ihrer genetischen Anlagen untereinander zwar sehr verträglich sind und gerne in der Meute laufen, dafür aber einen starken Jagdtrieb haben. Hier ist eine Bindung an den Menschen und eine gute Erziehung schon schwieriger. So kann sich der Jagdtrieb im „Doppelpack“ sogar noch verstärken.

Und dann kommt es bei der Wahl des Zweithundes vor allem noch auf das Wesen des einzelnen Hunde-Individuums an. „Extrovertierte Hunde brauchen den Kontakt zu anderen Artgenossen. Introvertierte Hunde kuscheln lieber mit Frauchen auf der Couch“, sagt Silvia Stasch. Sie hatte bislang immer großes Glück mit ihren Hunden, die sich untereinander problemlos verstanden. „Amigo war ein Kumpeltyp. Er liebte den Kontakt zu anderen Hunden und als ich damals Bonita und Wischi dazu bekam, verwöhnte er seine beiden Hundedamen regelrecht, schleppte für sie Schweinohren durch die Gegend.“

Wichtige Voraussetzungen

Die Freiburger Hundetrainerin, Tierheilpraktikerin und Jack Russell- Züchterin Claudia Kopp-Ulrich teilt ihr Leben mit drei Greyhounds, zwei Rumänischen Hütespitzen und zwölf Jack Russell Terriern und glaubt einen Trend zum Zweithund zu erkennen: „Es gibt vermehrt Menschen, die gerne mehrere Hunde hätten. Ich sehe sogar eine Tendenz zur Kleinrudelhaltung.“ Die Motivation zur Haltung mehrerer Hunde sei ihrer Erfahrung nach sehr unterschiedlich. Das können die Begeisterung für eine Rasse, der Wunsch nach einem Rudel oder einem zweiten Hund als sportlicher Begleiter sein, wenn zum Beispiel der ältere Hund nicht mehr beim Joggen mitlaufen oder beim Dummy-Training aktiv sein kann.

Als wichtige Voraussetzung für die Haltung von zwei oder mehreren Hunden nennt Claudia Kopp-Ulrich ausreichend Zeit, Platz und finanzielle Mittel. Noch wichtiger seien aber Führungsqualitäten und Geradlinigkeit, die ein Hundefreund mitbringen sollte: „Der Halter muss in der Lage sein, die Stimmung seines Rudels zu lenken und den Energiepegel in der Gruppe runter zu bringen. Sonst ist der Eskalationsgrad sehr hoch“, findet die Freiburger Hundeexpertin. Wenn sich Hundebesitzer, die bereits einen Hund haben, für einen Welpen aus einem ihrer Würfe interessieren, schaut sich die Züchterin den erwachsenen Hund genau an. Nicht jeder Hund akzeptiere einen Welpen. Manche ältere Hunde seien mit einem jungen Hund auch einfach überfordert.

Welche Geschlechter- und Alters- Konstellation sich am besten eigne, sei individuell verschieden. „Bei meinen Jack Russells empfehle ich zu einem Rüden einen anderen Rüden zu nehmen. In einer gemischten Gruppe gibt es mehr Aggression, weil der Rüde die Hündin verteidigt oder die Hündin ihr Gebiet zur Welpenaufzucht bewacht“, sagt Claudia Kopp- Ulrich. Für Spaziergänge mit mehreren Hunden hat sie noch einen ganz besonderen Tipp: einen selbst entworfenen Führgürtel, an dessen Seiten sich jeweils drei Hundeleinen einhaken lassen. Dieser sei eine gute Alternative zur Koppelleine und mache zudem das Führen mehrerer Hunde möglich. Vorausgesetzt natürlich, dass es auch bei allen Hunden mit der Leinenführigkeit klappt.