Mensch und Hund

Der erfolgreiche Hundetrainer Michael Stephan bezieht die Inspiration für die außergewöhnliche Arbeit in seiner Hundeschule vor allem von Menschen wie Spitzensportlern, Neurobiologen oder Psychoanalytikern, die auf ganz anderen Gebieten als dem Hundetraining Besonderes leisten.

Britta Heidemann

Sportbegeisterte erinnern sich bestimmt an einen der dramatischsten Wettkämpfe der Olympischen Spiele im Sommer 2012 in London. Nach einem Herzschlag-Finale im Degenfechten schmückt die Silbermedaille Britta Heidemanns Brust. Vier Jahre zuvor in Peking hatte sie bereits Gold gewonnen. Michael Stephan, der als Jugendlicher selbst mal Fechter war, saß damals stets mitfiebernd vor dem Bildschirm. Mit Psychologen wie Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin stimmt er darin überein, dass Vorbilder alles andere als out sind – im Gegenteil: gerade in Krisensituationen gewinnen sie an Bedeutung. Wer sich an erfolgreichen Menschen orientiert, findet demnach besser heraus, was wirklich zu ihm passt.

Das Beste aus sich herausholen

Wie überträgt Michael Stephan das, was Britta Heidemann vorlebt, auf seine Arbeit mit Hundeführern? Was sagt die Athletin, die inzwischen Vorträge vor Führungskräften der Wirtschaft hält, zu Zielstrebigkeit und den unvermeidlichen Tiefs? Michael Stephan wollte von ihr wissen: Wie kann jeder das Beste aus sich herausholen?

„Das ist eine Frage der Einstellung“, lächelt die erfahrene Sportlerin. „Wenn wir uns um unsere innere Haltung bemühen, statt uns die ganze Zeit mit unserem Gegenüber zu beschäftigen, gelangen wir am besten ans Ziel.“ Inzwischen gehört es zum guten Ton der Hundeschul-Szene, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Oft bleibt der Ansatz jedoch in den Anfängen stecken. Für Michael Stephan und seine Hundeschule Mensch-Hund-Systeme betreffen 80 Prozent der Arbeit den Menschen. Da ist die Aussage von Britta Heidemann also überaus passend. „Es hilft meist nichts, nur darauf zu schauen, was beim eigenen Hund alles nicht funktioniert. Wer so herangeht, wird versuchen, mit Technik einzuwirken und im besten Fall kurzfristige Veränderungen erreichen”, erklärt der Hundetrainer.

Seine Kunden haben häufig bereits vergeblich mit Hilfsmitteln gearbeitet, sei es Leckerli oder Halti. Also schlägt Mensch-Hund-Systeme einen Perspektivenwechsel vor. Mit welcher inneren Haltung tritt der Mensch seinem Vierbeiner gegenüber? Wünscht er sich insgeheim einen einschüchternd wirkenden Begleiter, spielt ein Lächeln um seinen Mund, wenn der Fiffi mal wieder einem Jogger Beine macht oder lebt der Hund Spannungen zwischen Nachbarn aus, wenn er am Zaun den Blutvergießer spielt? Zweifelt Herrchen oder Frauchen ohnehin an eigener Führungskompetenz oder gibt es vielleicht sogar traumatische Erlebnisse in Bezug auf Versagen oder Verlust? Michael Stephan, der inzwischen zertifizierter Systemischer Coach und NLP-Practitioner ist, versucht durch Beobachtung und Gespräch genau das herauszufinden.

Eine klare Zieldefinition ist elementar

Auch im nächsten Schritt stimmt er mit Britta Heidemann überein. Elementar wichtig ist für die Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin eine klare Zieldefinition. Was will ich wirklich? Genau das arbeitet Michael Stephan mit seinen Kunden heraus. Soll jeder Spaziergang an der Haustür in Ruhe beginnen? Soll das Bellen abgestellt werden, wenn es an der Haustür klingelt? Soll die Begegnung mit Artgenossen stressfrei für alle verlaufen? Ist das Ziel klar, folgen die passende Strategie und das „Training“, im Fall von MHS natürlich mit dem Hund.

Was stärkt dabei die Willenskraft der Hundeführer? Britta Heidemann verrät: „Mentale Stärke gewinne ich durch Erfolge und durch Misserfolge gleichermaßen.“ Die Glücksgefühle des Erfolgs wirken selbstbelohnend und die kritische Selbstanalyse des Scheiterns wird zur neuen Herausforderung, die wieder motiviert. Deshalb legt Michael Stephan sein Coaching für Hundeführer als Stufenplan an. Zwischenberichte und Lernkontrollen sind Entwicklungs-Analyse und Start für neue Zielsetzungen zugleich. Die Freude über das Erreichte und der Spaß am gemeinsamen Tun mit dem Hund sollen dabei spürbar werden. „Dieses Gefühl sollen sich die Hundeführer regelrecht abspeichern und immer wieder hochladen“, empfiehlt Michael Stephan. Britta Heidemann sagt dazu: „Um erfolgreich zu sein, braucht der Mensch nicht nur Motivation, Disziplin und Durchhaltekraft. Mindestens genauso wichtig sind Freude an der eigenen Leistung und Zufriedenheit.“ Um dann aber beharrlich dran zu bleiben, muss manch innerer Schweinehund überwunden werden.

Niederlagen als Antrieb nehmen

Von der erfolgreichen Sportlerin will Michael Stephan deshalb wissen: Wie wird ein Mensch zielstrebig, was braucht es dafür? Britta Heidemann kommentiert: „Jeder kann den Ehrgeiz entwickeln, sein Ziel zu erreichen. Einige bringen das charakterlich mit, andere werden über die Jahre erkennen, dass es emotional und vom Ergebnis her lohnt, sich für etwas einzusetzen und auch mal streckenweise diszipliniert zu arbeiten. Wichtig ist, um zufrieden und ausgeglichen zu sein, dass man sich selbst hinterfragt, welche Zielsetzungen für das persönliche Potenzial die richtigen sind, man sich also weder unter- noch überfordert. Und dann kann man nicht nur den Erfolg genießen, sondern dann bereitet auch der Weg zum Ziel sehr viel Spaß. Es muss nicht immer noch mehr Einsatz und Arbeit sein: Effizientes Arbeiten und systematisches Vorgehen, um sich Schritt für Schritt an sein Ziel heranzuarbeiten, kann man erlernen und dann mit dem richtigen Maß an Arbeit und Einsatz sein Ziel erreichen.“

Mensch Hund Systeme stimmt dem zu und rät den Hundeführern deshalb immer mal wieder ganz bewusst Pausen einzulegen bei der Entwicklungsarbeit mit Hund. Und betont schon höchst vorsorglich: Auch Niederlagen gehören dazu. Auf die Frage, wie es in einem Tief – zum Beispiel durch Misserfolge oder ungeplante Unterbrechungen – gelingt, sich erneut und immer wieder für das definierte Ziel zu motivieren, hat Britta Heidemann aus eigener Erfahrung die Antwort parat: „Niederlagen und Rückschläge gehören zu jeder erfolgreichen Karriere dazu. Der erste Schritt ist, sich dessen bewusst zu sein und es zu akzeptieren. Wichtig und hilfreich ist auch, eine Niederlage zu analysieren und als Antrieb zu nehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Bei unnötigen Niederlagen oder wenn ich unter meinen Möglichkeiten abschneide, dann bespreche ich das mit meinem Trainer und meinem engsten Umfeld. War der Gegner zu stark? Was habe ich falsch gemacht? War es einfach schlechte Tagesform oder ein längerfristiges Problem? Erst wenn man ehrlich mit sich selbst ist und die möglichen Ursachen einer Niederlage oder einer schlechten Phase erkannt hat, kann man an den nötigen Stellschrauben drehen, um sich zu verbessern. Bei ungeplanten Änderungen setze ich immer voll auf Pragmatismus. Ich versuche mich den neuen Bedingungen anzupassen und die Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann. Das ist manchmal schwierig, aber ständig mit den Umständen zu hadern, bringt einen nicht weiter.“