Der will nur spielen

Hundehaltern wird teilweise immer noch geraten, generell auf körperbetonte Spiele mit ihrem Hund zu verzichten. Doch gerade diese Spiele können Stress abbauen, die Bindung, Empathie und Impulskontrolle fördern.

Hund will nur spielen

Vorderkörper tief, das Hinterteil nach oben gestreckt – so fordern Hunde zum Spielen auf. Aber warum spielen Hunde überhaupt? Welche Spielformen gibt es und welche Bedeutung haben sie für die Entwicklung des Hundes? Die Verhaltensforschung hat hier in den vergangenen Jahren sehr interessante Erkenntnisse hervorgebracht, die hoffentlich dazu beitragen werden, im gemeinsamen Spiel die Beziehung zum Hund neu zu entdecken.

Spielverhalten und Spielbewusstsein

Spiel setzt sich aus Fragmenten des Jagd-, Sexual- und Aggressionsverhaltens sowie der sozialen Körperpflege zusammen. Im Spiel werden Verhaltensfragmente frei und in beliebiger Reihenfolge kombiniert. Bewegungen werden übertrieben, häufig wiederholt und es fehlt die Zielgerichtetheit des Ernstverhaltens. Bei der Spieljagd werden Pausen gemacht, Abkürzungen nicht genutzt; Jäger und Spielbeute rennen nicht mit voller Geschwindigkeit. Im Spielkampf gibt es weder Gewinner noch Verlierer, durch Selbsthandikap werden körperliche oder soziale Unterschiede ausgeglichen und die Rollen werden regelmäßig getauscht. Damit eine Spielattacke nicht mit einem echten Angriff verwechselt wird, setzen Hunde Spielsignale wie das Spielgesicht und die Vorderkörpertiefstellung ein.

Spiel ist keine unreife Form von erwachsenen Verhaltensweisen, sondern bildet eine eigene Verhaltenskategorie, die auf eigenen neuronalen Strukturen basiert. Wissenschaftler betrachten Spiel als einzigartigen Bewusstseinszustand, in dem man gleichzeitig entspannt und aufgeregt sein kann. Die besondere Anziehungskraft, der Zauber des Spiels, liegt in seiner Nicht-Realität. Das so tun als ob ermöglicht ein Ausprobieren, Experimentieren und Neukombinieren in einem sicheren Rahmen und ohne ernsthafte Konsequenzen. Hunde tun zum Beispiel so, als ob sie kämpfen, beschränken sich dabei aber auf ineffektive Angriffs- und Verteidigungsstrategien mit stark gehemmten oder angedeuteten Bissen.

Jede Spielform hat ihre Berechtigung

Spiel ist besonders für die gesunde Entwicklung des Welpen unverzichtbar. Ein Hundewelpe kommt blind, taub, mit einem „unreifen“ Gehirn und einer eingeschränkten Bewegungsfähigkeit auf die Welt. Sobald Ohren und Augen sich öffnen, die Reifung des zentralen Nervensystems und die Entwicklung des Bewegungsapparates es erlauben, beginnt der kleine Hund zu spielen. Aus den ersten unbeholfenen Beißspielen der ganz jungen Welpen entwickeln sich Spielkämpfe, in denen sie den ganzen Körper einsetzen. Nach den Sozialspielen entwickeln sich die ersten Bewegungs- und Objektspiele. Die später einsetzenden Jagd- und Verfolgungsspiele setzen bereits einen sicheren Gebrauch der Gliedmaßen voraus.

Jede dieser Spielformen ist wichtig für die Welpenentwicklung und sorgt für differenzierte Verknüpfungen in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns. Im Bewegungsspiel entdecken Welpen ihren eigenen Körper und trainieren und verbessern ihre körperlichen Fähigkeiten, Bewegungskoordination und Feinmotorik. Im Objektspiel erkunden sie ihre Umwelt und werden mit den Dingen darin vertraut. Sie lernen kausale Zusammenhänge und erfahren, dass sie der Umwelt nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern durch ihr Verhalten Einfluss nehmen können. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit sorgt dafür, dass der Hund später gelassen mit neuen, unerwarteten oder potenziell stressigen Situationen umgehen kann.

Spiel fördert die Entwicklung

Das Sozialspiel stellt zusätzlich hohe Anforderungen an die Sozialkompetenz des Hundes, denn das spielerische Toben, Balgen und Rangeln funktioniert nur, wenn die Spielpartner kooperieren und ihr Verhalten aufeinander abstimmen, sich also fair verhalten. Sozialspiele fördern deshalb Einfühlungsvermögen und Sozialkompetenz. Im Sozialspiel erweitert der Welpe sein Verhaltensrepertoire, indem er den richtigen Einsatz hundlicher Kommunikationssignale trainiert und lernt, wie er hundliche Missverständnisse reguliert. Er erlebt, welche Regeln in seiner sozialen Gruppe gelten und lernt spielerisch den angemessenen Umgang mit menschlichen und tierischen Partnern. Für entspanntes Welpenspiel sorgt ein erwachsener, sozial kompetenter Hund und/oder ein menschlicher „Babysitter“, der eingreift, wenn Spielregeln übertreten werden oder ein Spielpartner überfordert ist.

Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass nur beim spielerischen Kämpfen und Toben ein Nervenwachstumsfaktor aktiviert wird, der sowohl den Schutz bestehender als auch die Bildung neuer Nervenzellen und deren Verknüpfungen im Welpengehirn fördert. Hierbei verknüpfen die Sozialspiele besonders die Gehirnbereiche, die bei emotionaler Erregung aktiv sind, mit denen, die für die kognitive Kontrolle dieser Emotionen zuständig sind und für ein der Situation angemessenes Verhalten sorgen. Beim Balgen und Toben arbeitet der Welpe also an seiner Impulskontrolle, für die das bekannteste Beispiel die Beißhemmung ist.

Spiel ermöglicht selbstbestimmtes Lernen

Spiel ist immer freiwillig, macht Spaß und findet nur in einem entspannten Umfeld statt. Es bietet so ideale Lernbedingungen. Im Spiel bestimmt der Hund das Tempo selbst, wird weder unter- noch überfordert. Für den Spaß im Spiel sorgt das körpereigene Belohnungssystem, das im Spiel Botenstoffe wie zum Beispiel Dopamin – umgangssprachlich auch als Glückshormon bezeichnet – ausschüttet. Die körpereigene Spielchemie sorgt auch dafür, dass im Spiel lustvoller und besser gelernt wird als in künstlich hergestellten Trainingssituationen, mit zielgerichteten Verhaltensanweisungen und -ausführungen.

Das Spiel zwischen Rüde und Hündin fördert die Paarbindung. Das gemeinsame Spiel des ganzen Rudels sichert die Rudelharmonie und verbessert den Zusammenhalt. Das Mensch-Hund-Spiel mit vielen Berührungen und Körperkontakten führt bei beiden Spielpartnern zur Ausschüttung von Oxytocin. Oxytocin stärkt das Vertrauen und die Bindung, wirkt Stress abbauend, senkt den Blutdruck und den Noradrenalinspiegel. Nutzen Sie den Freiraum des Spiels um die Beziehung zu ihrem Hund neu zu entdecken, gemeinsam spielerische Herausforderungen zu meistern, spielerisch Grenzen zu vermitteln und so im doppelten Sinne zusammenzuwachsen.