Dominanzverhalten beim Hund

Viele Hundebesitzer übersehen, dass Dominanz keine Eigenschaft ist, sondern eine Beziehung beschreibt, die in der sozialen Struktur von Individuen eine wichtige Rolle spielt!

Dominanzverhalten

In Gesprächen zwischen Hundehaltern fällt häufig das Wort „Dominanz“. Bedenklich wird es vor allem dann, wenn Dominanz als Entschuldigung für inakzeptables Verhalten oder als Freifahrtschein für aggressives Verhalten dient. Unter dem fadenscheinigen Begriff würfeln viele Hundebesitzer anscheinend alles zusammen, was nicht erziehbar, erklärbar oder steuerbar ist – denn kaum ein Wort wird so vielseitig und falsch interpretiert wie dieses. Doch was genau ist nun Dominanz eigentlich? Um diese Thematik verstehen zu können, sollte man sich mit einigen grundlegenden Begriffen auseinandersetzen.

Dominanz bezeichnet eine Beziehung

Zunächst einmal ist Dominanz keine Eigenschaft. Dominanz bezeichnet eine Beziehung, in der mindestens zwei Individuen miteinander intervenieren, die in direktem Kontakt zueinander stehen. Außerdem geht Dominanz von unten nach oben! Das heißt, der Rangniedrige ermöglicht dem Ranghöheren erst durch sein Verhalten den Zugang zu wichtigen Ressourcen oder anderen Interessen. Vereinfacht dargestellt bedeutet das: Hund A nimmt sich viele Freiheiten, während sich Hund B in seiner Freiheit einschränken lässt und somit diese Einschränkung auch akzeptiert. Hund B übernimmt also einen wichtigen Part in dieser Dominanzbeziehung, da Konflikte ohne Aggressionen ausgetragen werden können. Von einer Dominanzbeziehung kann aber nur die Rede sein, wenn Hund A regelmäßig diese Ansprüche anmeldet und Hund B daraufhin dementsprechende akzeptierende Reaktionen zeigt. Dominanz ist nicht nur ressourcenabhängig. Hunde setzten in diesem Kontext viele Interessen durch. Dazu gehören unter anderem die Bewegungskontrolle, das Fixieren und Verdrängen und auch Entscheidungen – zum Beispiel ob gespielt wird oder ob Körperpflege angesagt ist.

Formale und situative Dominanz

Die Verhaltenswissenschaft unterscheidet zwei Formen von Dominanz: formale und situative Dominanz. Formale Dominanz ist ein Privileg der Älteren. Elterntiere vermitteln Schutz und Geborgenheit, ebenso aber auch Lebenserfahrung. Hier sind ähnliche Konstellationen wie bei einer Eltern- Kind-Beziehung vorhanden. Situative Dominanz ist hingegen eine auf aktuelle Bedürfnisse ausgerichtete Dominanz, die nicht nur vom Ranghöheren gezeigt wird. Auch rangniedrige Tiere zeigen durch dominantes Verhalten, wie wichtig ihnen der Zugang zu bestimmten Ressourcen wie zum Beispiel Futter ist. Hier bedeutet es, wer am lautesten „Hunger“ schreit, bekommt auch Futter. Ranghohe Tiere können dies, ohne Verlust ihres eigenen Status, souverän hinnehmen. Diese Form der Dominanz ist unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rang.

Dominanz und Aggression

Dominanz spielt in der sozialen Struktur von Individuen eine wichtige Rolle. Ansprüche auf Ressourcen können somit ohne Aggressionen durchgesetzt werden. Wie wir bereits wissen, sind es die Rangtiefen, die die Ranghöheren mit ihrem Verhalten stabilisieren und somit Situationen nicht eskalieren lassen. Aggression ist meistens ein Akt der Hilflosigkeit und hat wenig mit Dominanz zu tun. Wer sich dominant verhält und in einer sicheren Beziehung lebt, der hat es nicht nötig, aggressiv zu werden. Im Gegenteil: Dominanz ermöglicht es erst zu wissen, woran man ist und wie man zueinander steht. Das kennzeichnet Stabilität und das wiederum bedeutet Vertrauen und stärkt Beziehungen. Aggression schafft dagegen Distanz und baut Spannungen auf, die für die Gruppe nicht förderlich sind.

Rangordnung, Pflichten und Privilegien

Ein weiterer Begriff, der häufig in Verbindung mit Dominanz auftaucht, ist die Rangordnung. Dabei wird oft übersehen, dass zwischen Menschen und Hunden gar keine Rangordnung existiert. Rangordnungen bestehen nur innerartlich und sind nicht von einer weiteren Spezies beeinflussbar. Die soziale Rangordnung dient unter anderem der Fortpflanzung, was biologisch zwischen Mensch und Hund nicht möglich ist. Hunde sehen uns als Menschen, nicht als einen übergroßen Hund auf zwei Beinen. Was wären wir auch für Hunde? Mit seinen deutlich schlechteren Sinnesleistungen würde ein Mensch alleine bei der olfaktorischen Kontrolle kläglich versagen. Dennoch sollten Menschen in der Lage sein, Hunde zu führen, klare Grenzen zu setzen und Schutz zu bieten.

Dass der Rang in der Welt der Kaniden vor allem auch mit Pflichten einhergeht, hat die Wolfsforschung eindrucksvoll hervorgebracht. So genießen ranghohe Tiere zwar mehr Privilegien. Sie haben aber auch mehr Pflichten zu erfüllen – was ja auch durchaus Sinn macht, schließlich verfügen sie meist über mehr Lebenserfahrung. Vorrausschauendes Handeln, Situationen einschätzen und regeln zu können und Schutz zu bieten gehören zu den Aufgaben von ranghohen Tieren. Umgekehrt heißt dass, auch wenn rangniedrige Tiere weniger Privilegien besitzen, können sie sich auf die Gruppengemeinschaft, den Verbleib in der Gruppe und den Schutz der eigenen Haut verlassen.

Was bedeutet das für den Hundehalter?

Und welche Schlüsse lassen sich daraus für das Zusammenleben mit dem Hund ziehen? Hundehalter sollten wie Elterntiere fungieren, ihremHund Schutz und Sicherheit vermitteln, ihm aber gleichzeitig auch Möglichkeiten zur freien Entfaltung geben. Selbstständiges Erkunden der unmittelbaren Umgebung und eigenständige Erfahrungen sammeln zu lassen gehören dazu. Pflichten des Leittieres Mensch sind das Erkennen und Regeln von Situationen durch vorausschauendes Verhalten. Dazu gehört auch die Gefahrenerkennung und -abwehr. Dabei agiert der Mensch in der formalen Dominanz, die auf Beziehung aufbaut. Situative Dominanz seitens des Hundes kann gegebenenfalls toleriert werden, denn nicht jedes Verhalten des Hundes muss ständig korrigiert, kommentiert und bewacht werden. Der Mensch sollte eine souveräne Führungsposition einnehmen. Nur wennman alsMensch fair und situativ klar agiert, kann unser Hund uns auch verstehen.

Mangelnder Gehorsam ist eine Erziehungsfrage

Der Begriff Dominanz ist oft negativ behaftet und wird mit Stärke und Gewalt gleichgesetzt. Um die berüchtigte Alpha-Position nicht zu verlieren, wird aus Erziehung oftmals Drill und Lernverhalten über Strafe korrigiert. Alpha- Wurf, Stachelhalsbänder und andere kuriose Trainingsmethoden, die auf Gewalt basieren, stellen aber keine Lösung dar. Vielmehr schädigen sie das Vertrauensverhältnis zum Hund. Mangelnder Grundgehorsam ist definitiv nur eine Erziehungsfrage, weniger eine Dominanzfrage. Wir sollten uns von manchen noch so gut gemeinten Ratschlägen verabschieden. Alles, was wir Menschen unseren Hunden vermitteln müssen, ist sie vernünftig zu erziehen, Grenzen zu setzen, Schutz und Sicherheit zu bieten und sie als vollwertige Sozialpartner, die ebenfalls ihre eigenen Bedürfnisse haben, zu akzeptieren. Nur so kann der Hund uns verstehen und vertrauen und als souveräne Partner akzeptieren – denn den sogenannten dominanten Hund gibt es nicht!