Leinenaggression

Wenn sich der Vierbeiner beim Spaziergang wie wild an der Leine gebärdet, andere Hunde anknurrt und keinem Streit aus dem Weg geht, wird daraus schnell ein Höllentrip. Welche Ursachen das Pöbeln an der Leine hat und wie Sie das Problem wieder in den Griff bekommen.

Leinenaggression

Dreimal täglich hat Hugo seinen großen Auftritt. Das Wohnviertel und der nahe gelegene Park sind seine Bühne. Hugo ist ein kleiner Hund doch auf Gassirunden mit seinem Frauchen ist ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Umwelt sicher.

Verhalten entsteht schrittweise

Unterwegs wird Hugo zum unbeherrschten Wüterich. Beim Anblick eines Artgenossen oder eines Passanten bellt, tobt und zerrt er so lange an der Leine, bis der vermeintliche Feind aus seinem Sichtfeld verschwindet. Taucht in der Ferne der nächste Vierbeiner auf, geht das laute Spektakel von Neuem los. Ihren Hund einfach frei laufen zu lassen, das traut sich Helga schon lange nicht mehr, weil sie befürchtet, es könnte zu Schlimmerem kommen. Dabei durfte ihr Hund schon als junger Hund mit jedem Artgenossen spielen – schließlich sollte er sich mal offen und gut sozialisiert in seiner Umwelt bewegen. Sie waren in einer Spielgruppe für Welpen und haben in der Hundeschule die Erziehungskurse erfolgreich gemeistert. Dann veränderte sich Hugos Verhalten an der Leine. Aus wenigen problematischen Situationen wurden mit der Zeit immer mehr. Heute ist kaum mehr eine Hundebegegnung in friedlicher Stimmung möglich.

Um Hugos Rüpeleien zu verhindern, hat Helga schon einiges versucht: Auf ihren Spaziergängen hält sie sein Lieblingsspielzeug und Futter stets griffbereit, um ihn im Ernstfall abzulenken. Wenn ein anderer Hund auftaucht, nimmt sie ihren kleinen Krawallbruder mit festem Griff zu sich. Leberwurst aus der Tube soll Hugo den Anblick anderer Hunde schmackhaft machen. Sobald er einmal so richtig in Rage ist, hilft jedoch selbst die Leckerei nicht weiter. Helga hat schon viel ausprobiert, um ihren Hund zu beruhigen: sanfte Worte, schimpfen und sogar den von manchen Hundetrainern empfohlenen Leinenruck. Wirkung gezeigt hat nichts.

Schlussendlich hofft sie nur, das aggressive Verhalten ihres Hundes würde einfach aufhören. Hugos Pöbelei in der Öffentlichkeit ist ihr peinlich. Sie schämt sich vor den anderen Hundehaltern und glaubt bei der Hundeerziehung versagt zu haben. Ratlos und frustriert startet sie jeden Spaziergang in ängstlicher Stimmung. Am Abend lässt sie Hugo nur noch kurz in den Garten, um sich einen weiteren Spießrutenlauf durch die Nachbarschaft zu ersparen.

Ein Problem, viele Ursachen

Von einer sogenannten Leinenaggression wird gesprochen, wenn sich der Hund an der Leine aggressiv verhält, im Freilauf aber weitestgehend unauffällig bleibt. Doch warum verhalten sich manche Hunde angeleint so rüpelhaft? Aggressive Kommunikation gehört in angemessenem Maß zum hundlichen Normalverhalten. Kein Hund kommt jedoch mit dieser schlechten Angewohnheit oder generell bösartig auf die Welt. Das Verhalten entsteht schrittweise und nur selten ist ein einziger Grund der Auslöser für das Verhalten.

Meist tragen viele unterschiedliche Faktoren dazu bei. Mögliche Ursachen können zum Beispiel eine rasse- oder persönlichkeitsbedingte Impulsivität, die individuellen Lebensumstände oder bisherige Lernerfahrungen des Hundes sein. Auch der territoriale „Alles meins“-Typ und der Hasenfuß im Hundepelz sind potenzielle Kandidaten für eine Leinenaggression. Ferner sorgen schlechte Haltungsbedingungen, wenig Auslauf und fehlender Kontakt zu Artgenossen für Frust und eine nachweisbar erhöhte Aggressionsbereitschaft.

Es gibt also viele Faktoren, aber selten nur den einen Grund. Das Verhalten am anderen Ende der Leine bestimmt letztendlich darüber, ob sich eine Verhaltenstendenz verstärkt und durchsetzt. Der Mensch kann so zu einem wichtigen Faktor in der hündisch aggressiven Kommunikation werden und das Problem dauerhaft aufrechterhalten.

Warum macht er das?

Pauschallösungen oder eine bestimmte Erziehungstechnik eignen sich für die Herbeiführung einer Verhaltensänderung nicht. Um unseren Hund umstimmen zu können, kommen wir nicht umhin, sein Wesen und die Gründe für das aggressive Verhalten zu verstehen. Welche Motive treiben ihn an und wie stark sind diese Motive? Welche Erfahrungen macht unser Hund in Konfl iktsituationen und was lernt er schlussendlich aus ihnen?

Begegnen sich höfliche Hunde im Freilauf, bleiben sie unter Umständen kurz stehen und laufen in entspannter Körperhaltung in einem Bogen aufeinander zu. Angeleint neben ihrem Halter und auf einem schmalen Gehweg ist dieses bei Hundebegegnungen natürliche Verhalten nicht möglich. Erst recht nicht, wenn der Hundeführer die Leine kurz nimmt und weiterhin Kurs auf den vermeintlichen Feind hält. Das ist ein sicheres Zeichen für unseren Hund: Achtung, Gefahr im Verzug! Falls der Hundehalter diese missliche Lage nicht erkennt oder durch falsche Signale zusätzlich Spannung aufbaut, bleibt dem Vierbeiner oft nichts anderes übrig, als die Situation auf die laute Art zu regeln.

Eines ist dabei aber sicher: Der herumpöbelnde Hund hat Stress. Seine Strategie, damit fertig zu werden und den Feind auf Abstand zu halten, ist dann Aggressivität frei nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Da es in der Natur der Sache liegt, dass der andere Hund vorbeigeht und aus der Sicht verschwindet, empfindet der Hund seine Verbalattacke als erfolgreich und wird diese beim nächsten Mal wiederholen.

Führung beginnt zu Hause

Ein Hund, der in der Hundeschule bei den „Sitz und Bleib!“-Übungen Klassenbester war, muss nicht auch ein angenehmer Begleiter im Alltag werden. Schon der Umgang zu Hause bestimmt darüber, wie wir uns vor der Haustüre präsentieren können. Die Art des Miteinanders, die Gewichtung von Freiheiten und Regeln und die Rolle, die wir unserem Vierbeiner im häuslichen Bereich zuweisen, bestimmen unterwegs das Selbstbild unseres Hundes. Kennt ein Hund zu Hause keine eindeutigen Regeln wie vereinbarte Abbruchsignale, wird er draußen Führung und Einschränkungen kaum akzeptieren.

Ihr Hund soll auch mal in Maßen Unmut über einen Hund zeigen dürfen, den er nicht leiden kann! Auch bei Hunden entscheidet unter anderem die Sympathie, ob ein Kontakt freundlich verläuft. Durch Regeln und Verbindlichkeiten schaffen Sie jedoch eine sichere Basis, die Sie mit Ihrem Vierbeiner verbindet und die es Ihnen ermöglicht, das Gemaule Ihres Hundes zu stoppen. Sie übernehmen die Verantwortung! Das heißt, Sie nehmen Ihrem Schützling Entscheidungen ab, die er nicht übernehmen soll und kann, und vermitteln ihm die für einen ruhigen und entspannten Spaziergang benötigte Sicherheit.

Führen Sie die Regie

Einfaches Management und Benimmregeln für zu Hause bilden die Grundlage für eine verlässliche Ordnung unterwegs. Ein gemütlicher, geschützter Liegeplatz, möglichst nicht in der Nähe eines Fensters oder einer Tür, entbindet Ihren Vierbeiner im Haus von Bewachungsaufträgen und lässt ihn ganz entspannt Ruhephasen einhalten. Eine längere Zeit auf seinem Platz sollte er aushalten können – zum Beispiel, weil eine ihm fremde Personen im Haus ist. Diese Maßnahme bietet Ihnen eine einfache Möglichkeit, Ihrem Vierbeiner zu vermitteln, dass Sie die Lage beherrschen und für Sicherheit sorgen können. Geben Sie alle für Ihren Schützling wichtigen Ressourcen wie Futter, Spielzeug, den Zugang zum Garten und das Begrüßen von Besuch nur mit Erlaubnis frei. Beachten Sie lautstarkes, freches Fordern nicht weiter und belohnen Sie nur ruhiges, aggressionsfreies Verhalten und gutes Benehmen.

Draußen führen Sie Regie. Auch wenn sich Ihr Hund in Ihrer Nachbarschaft bestens auskennt, bestimmen Sie, in welche Richtung und in welchem Tempo Sie sich miteinander bewegen. Die Aufmerksamkeit Ihres Schützlings sollte so oft wie möglich Ihnen gelten. Für Ihren Vierbeiner fremde Umgebungen können die Orientierung an Ihnen fördern. Versuchen Sie daher Abwechslung in die Auswahl Ihrer Ausflugsziele zu bringen. Belohnen Sie anfänglich jeden freiwillig gezeigten Blickkontakt, später jeden Blickkontakt, den Ihr Hund auf ein von Ihnen gewähltes Signal zeigt. Bleiben Sie miteinander in Kommunikation anstatt anonym nebeneinander herzulaufen. Wenn Ihr Hund an jeder Ecke eine ausgiebige Geruchskontrolle vornehmen möchte, dürfen Sie auch mal keine Zeit haben und es Ihrem Schützling mit einem munteren aber verbindlichen „Auf geht’s!“ mitteilen.

Begegnungen üben, Alternativen anbieten

Um Hundebegegnungen in Zukunft entspannt angehen zu können, üben Sie neues, angemessenes Verhalten nach und nach auch in stärker frequentierten Umgebungen ein. Probieren Sie aus, wie groß der Abstand ist, in dem Ihr Hund Ihnen beim Anblick eines Artgenossen noch Aufmerksamkeit schenken kann. Reagiert er nicht in üblicher Weise mit Starren oder Bellen, belohnen Sie ihn mit Ihrer Aufmerksamkeit oder etwas Futter. Reagiert er in der üblichen Weise, weil Sie die für ihn erträgliche Distanz unterschritten haben, bewegen Sie sich bestimmt und zügig vom Auslöser weg. Positionieren Sie sich dabei wenn möglich immer zwischen dem Auslöser und Ihrem Hund. Klappt Ihr Training auf eine bestimmte Distanz gut, fordern Sie die Aufmerksamkeit Ihres Vierbeiners bei einem Hund in Sicht ein und ermuntern Sie ihn mit „Auf geht’s!“ zum zügigen Weiterlaufen.

Vielleicht hat Ihr Hund ja einen Hundekumpel, der in allen Lebenslagen cool bleibt? Dann nehmen Sie ihn mit. Die Gelassenheit eines Artgenossen kann bei unsicheren oder impulsiven Typen positiv wirken. Während es bei dem einen Hund schneller geht, bis Maßnahmen wirken, dauert es bei einem anderen länger. Denken Sie daran, dass es vor allem von der Persönlichkeit des Hundeführers abhängt, wie gut Sie mit den Übungen vorankommen. Können und wollen Sie führen? Entscheiden Sie über Stimmungen? Sind die Grundlagen für das Miteinander geklärt und stimmt die Basis in der Mensch-Hund-Beziehung, werden sicher auch die gemeinsamen Spaziergänge wieder Spaß machen.